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Zeit und Geschichte

In den Trümmern der türkischen Republik - Vom Fort- und Rückschritt

Achim Engelberg
Dr. phil.
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Achim EngelbergSonntag, 29.10.2023

Am 29. Oktober 1923, also vor hundert Jahren, rief Mustafa Kemal Pascha, der als Atatürk in die Geschichte einging, die Republik Türkei aus. 

Sein Ziel, die Türkei zu einem europäischen Land zu machen, scheiterte –trotz beachtlicher Erfolge.

Es blieb bis heute: Die Türkei ist wie Russland eine Aporie Europas oder Asiens. Man kann keine Geschichte Europas (oder Asiens) schreiben, ohne die von Russland und der Türkei zu erzählen, und dennoch gibt es in beiden Ländern Geschichten, die keine europäischen (oder asiatischen) sind.

Der ZDF-Korrespondent Jörg Brase sucht in seiner Dokumentation bei heutigen Einwohnern Antworten auf die Frage, was aus Atatürks Traum unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan geblieben ist? 

Sechs Türkinnen und Türken blicken aus ihrer ganz eigenen Lebenserfahrung heraus auf ihre Heimat und deren einhundertjährige Geschichte. Die einfache Bäuerin, die in Erdoğan den Bewahrer ihrer Religion und der türkischen Nation sieht. Den Ex-Admiral, der sagt, Erdoğan verrate Atatürks Erbe, der griechisch-türkischen Tavernenbesitzer, der sich trotz Atatürks Vertreibungspolitik auf seiner Insel zuhause fühlt. Außerdem spricht ZDF-Korrespondent Jörg Brase für diese Dokumentation mit einem kurdischen Clan-Chef, für den hundert Jahre Türkei eine Leidensgeschichte sind, mit einer armenischen Köchin und Autorin, die ihr kulturelles Erbe bewahrt und mit zwei Studentinnen aus der Generation Z, junge Frauen aus Istanbul, die ihre Heimat lieben und doch mehr Schatten als Licht sehen.

Aufgrund meiner Familiengeschichte bin ich mit dem Land verbunden, das ich öfters besuche, worüber ich in meinem Buch AN DEN RÄNDERN EUROPAS erzähle:

Philipp Schwartz ist ein Name, den kaum noch jemand kennt. In der Fachwelt wird der deutsch-jüdische Neuropathologe für seine bahnbrechende Forschung über das zerebrale Geburtstrauma geschätzt. Bereits im März 1933 verlor er seine Stelle in Frankfurt am Main und ging zu den Schwiegereltern nach Zürich, wo immer mehr Wissenschaftler eintrafen, die in der Nazidiktatur entlassen worden waren. Im Schweizer Exil erreichte er, dass die Verfemten mit Mitarbeitern und Familie in die Türkei emigrieren und die von Kemal Atatürk gewünschte Modernisierung der Universitäten betreiben konnten.

Einer von ihnen war mein Vater Ernst Engelberg (1909-2010).

Mittlerweile strömen aber Wissenschaftler in die andere Richtung – vorrangig in die Bundesrepublik Deutschland, wo in Berlin und Essen eine Academy in Exile gegründet worden ist.

Etliche der neuen Flüchtlinge leben, wenn sie Wissenschaftler sind, mit einem Philipp-Schwartz-Fellowship unter uns. So wird der Mediziner möglicherweise doch noch bekannt.

Unter den hier Schutzsuchenden ist auch der türkische Journalist Can Dündar der mit seiner Schriftstellerkollegin Aslı Erdoğan das türkische Exil hierzulande in dieser Doku beleuchtet.

(Hier findet man Can Dündars Webseite, wo er auch zum 100. Geburtstag etwas schreibt.)

Last but not least: Aufschlussreich ist dieses Interview mit dem Politologen Cingiz Atkar:

Die Schuld für vieles, aber bei Weitem nicht alles, trägt der politische Islam, also das AKP-Regime von Recep Tayyip Erdogan. Die meisten Probleme sind älter. … Ein Hauptproblem ist, dass es in der Türkei keinen Gesellschaftsvertrag gibt, kein ziviles Gefühl für die Gesellschaft. Die Türkei besteht vielmehr aus verschiedenen Gruppen, die alle miteinander verfeindet sind und in ihren jeweiligen Hochburgen für sich leben: die Säkularen, die konservativ-sunnitischen Türken, die Aleviten, die Kurden usw. Und diese Gruppen haben untereinander wenig Berührungspunkte. (…) Die Türkei hat mit den Völkermorden und Pogromen an Armeniern, Griechen und anderen nichtmuslimischen Minderheiten vor über hundert Jahren ihr Bürgertum zerstört. Man kann eine Bourgeoisie aber nicht auf Knopfdruck neu erfinden, wie es dem Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk vorschwebte.

In den Trümmern der türkischen Republik - Vom Fort- und Rückschritt

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Kommentare 4
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 8 Monaten

    Die Türkei erinnert mich ein wenig an Österreich; an das nach dem Verlust des Imperiums (= da liegt der unterschied zu Deutschland dass erst eines wollte und deswegen...).
    fühlte Ö und T sich nicht schuldig an Niederlagen an Pogromen, im Gegenteil: Dolchstoß und böse Umwelt. Aus Österreich kam letztendlich Hitler und aus der Türkei Attatürk. und das zeigt dann aber einen großen Unterschied: Attatürk versuchte und schaffte zt einen neuen StaatsAufbau und beließ den Nationalismus "innen", mit sehr schlimmen Folgen, ja. dennoch.
    Beiden fehlt/e lange Zeit ein Aufarbeiten. wieso dennoch Österreich es "geschafft" hat, eine Demokratie zu sein und Mitglied der EU, und die Türkei nicht, hat historische und kulturelle Gründe. (Das ist ja immer so : - )). vorallem aber geopolitische: Der "Westen" konnte lange nicht über seinen Schatten springen (was die Einbindung betrifft) und die Türkei war ist zu sehr nach "Osten" orientiert in seine einstigen Herrschaftsgebiete.
    letzteres scheinen Österreich und auch Deutschland durch die EU - vielleicht unbewusst? - kompensiert zu haben: Ungarn Polen etc. gehören jetzt zum gleichen Herrschaftsgebiet EU. (Mit ganz eigenen Problemen, aber das mal an anderer Stelle).

  2. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 8 Monaten

    So weit ist es aktuell gekommen. Dazu Deniz Yücel:

    "Schon einige Tage zuvor hatte Erdogan in einer Rede vor der AKP-Fraktion behauptet, die Hamas sei „keine Terror-Organisation“, sondern eine „Gruppe von Freiheitskämpfern und Mudschaheddin, die dafür kämpft, ihr Land und ihr Volk zu beschützen“. Am Samstag bekräftigte er diese Ansicht, wobei er seine Parteinahme mit einer Schelte der Opposition verband: „Leider gibt es unter den Politikern unseres Landes einige, die meinen, die Hamas sei so terroristisch wie Netanjahu. Schande über sie!“

    Zudem beschuldigte Erdogan den Westen, eine „Kreuzzugs-Atmosphäre“ gegen Muslime herbeizuführen und hauptverantwortlich für das „Massaker“ zu sein, das Israel im Gaza-Streifen verübe. Die Türkei treffe Vorbereitungen, um Israel international als Kriegsverbrecher zu entlarven. Erdogan forderte nicht nur ein Ende der israelischen Gegenangriffe auf den Gaza-Streifen, sondern nutzte die Gelegenheit zu einer grundsätzlichen Tirade gegen Israel: „Gaza, Palästina, was war da 1947, was ist es heute? Israel, wie bist du dahin gekommen, wie bist du reingekommen? Du bist ein Besatzer, du bist eine Organisation.“

    So hat noch kein Staatsoberhaupt eines Nato-Mitglieds Israel die Staatlichkeit und somit das Existenzrecht abgesprochen. Und obwohl kein muslimisch geprägtes Land die Hamas als terroristisch einstuft, hat sich nach dem 7. Oktober keine andere Regierung so deutlich hinter die militanten Islamisten gestellt – nur das Mullah-Regime im Iran. Und dann die Türkei. Dieselbe Türkei, die seit Wochen die Kurden im Norden Syriens bombardiert, deren Armee im Verbund mit ihren islamistischen Hilfstruppen seit 2018 einen Großteil der kurdischen Bewohner aus der nordsyrischen Region Afrin vertrieben hat und die Kritiker gerne als „Terroristen“ brandmarkt. ….."
    https://www.welt.de/de...

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 8 Monaten

      Ja, den Artikel las ich auch.

      Ohne das zu unterstützen: Bei einer konsequent neoosmanische Politik muss Israel weg. Immerhin gehörte das ganze Palästina (also auch das Gebiet von Israel) zum Kernland, was man zum Beispiel an der Moschee in Tel-Aviv-Jaffa erkennen kann.

      Der Sultan scheint einen höchst gefährlichen Pendelkurs zu verfolgen:
      Flüchtlingsdeal + Natomitgliedschaft für den Westen. Gleichzeitig Abkommen mit Russland, das auch wieder imperial groß werden will. Und Abkommen mit den reaktionärsten Kräften der muslimischen Welt.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 8 Monaten

      @Achim Engelberg Neorevisionismus überall ….

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