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Volk und Wirtschaft

Mafiöse Parallel-Wirtschaft

Jürgen Klute
Theologe, Publizist und Politiker
Zum Kurator'innen-Profil
Jürgen KluteMontag, 01.05.2023

Ist die deutsche Politik einer der wichtigsten Paten der Mafia? Dieser Eindruck drängt sich den Hörern und Hörerinnen dieses spannenden und sehr aufschlussreichen Podcasts von Birgit Tanner und Helena Piontek schnell auf. Veröffentlicht wurde dieser Podcast vom SWR. Man/frau kann ihn auf der Website der ARD Audiothek aufrufen. Leider nur – wie üblich – für eine begrenzte Zeit. Aber man kann sich die Episoden ja auch auf den eigenen PC oder Laptop herunterladen. Mensch muss aber etwas Geduld mitbringen: Der Podcast umfasst nämlich acht Episoden von jeweils rund 40 Minuten.

Es geht hier nicht um Mord und Totschlag, wie sie aus einschlägigen Mafiafilmen bekannt sind. Es geht um den Aufbau einer anderen Wirtschaft, wie die beiden Podcasterinnen deutliche machen, um eine intransparente, von jeder demokratischen Kontrolle und Regulierung entkoppelte Wirtschaft, um eine Parallel-Wirtschaft, in der das Recht des Stärkeren gilt.

Im Zentrum der acht Podcast-Episoden steht der Stuttgarter Pizzabäcker Mario L. Sein Vater kam als Arbeitsmigrant aus dem süditalienischen Kalabrien nach Deutschland. Nach mäßiger Schulausbildung hat Mario L. sich vordergründig eine Pizzeria aufgebaut, die einen guten Ruf auch unter Promis in Stuttgart genoss. Auch der frühere Baden-Württemberger Ministerpräsident und spätere EU-Kommissar Günther Oettinger gehörte viele Jahre lang zum engeren Freundeskreis des beliebten Pizzabäckers. Die Freundschaft ging so weit, dass Mario L. den Ministerpräsidenten und dessen Partei, die CDU, auch mit Wahlspenden unterstützte.

Doch bereits in den 1990er-Jahren kam der Verdacht auf, dass Mario L. ein einflussreiches Mitglied der kalabrischen Mafia – genauer: der Ndrangheta – sei. Aber erst 2018 wurde Mario L., der mittlerweile als einer der führenden Köpfe der Ndrangheta gilt, in Italien vor Gericht gestellt und verurteilt – wobei die Entscheidung der dritten Berufungsinstanz noch aussteht, wie die beiden Journalistinnen betonen.

Der Podcast zeichnet den Werdegang von Marion L. nach, soweit er sich recherchieren lässt. Zwei wichtige Aspekte arbeiten die beiden Autorinnen dabei heraus: Zum einen machen sie deutlich, wie die Ndrangheta, die heute als größte und effektivste kriminelle Organisation weltweit eingestuft wird, arbeitet. An die Stelle plumper Schutzgeld-Erpressungen sind deutlich raffiniertere Strategien getreten, die mitunter auch von deutschen Gerichten nicht als kriminelle Handlungen erkannt werden. Die beiden Journalistinnen bezeichnen diese Art moderner Kriminalität – m. E. völlig zutreffend – als eine Art informelle und umregulierte Form der Wirtschaft. Deshalb habe ich sie im Titel dieses Posts auch als Parallel-Wirtschaft bezeichnet. Denn genau das ist diese Art der Wirtschaft, die die Ndrangheta Schritt für Schritt entwickelt und hinter einer Fassade scheinbarer Legalität implementiert hat.

Zum anderen hat die Ndrangheta sich offensichtlich in der Bundesrepublik sehr geschickt einen nicht unerheblichen und auch nicht ungefährlichen Einfluss auf die Politik verschafft – zum großen Leidwesen der italienischen Mafia-Jäger. Die Autoren verweisen beispielhaft auf Günther Oettinger. Er hat selbstverständlich keine Morde bei Ndrangheta in Auftrag gegeben. Aber es ist unklar, ob und ggf. welche Gegenleistungen für die Parteispenden von Mario L. an Oettinger und die CDU erbracht wurden. Gegenleistungen etwas in der Behinderung von Strafverfolgung durch deutsche Behörden. Immerhin wurde ein Fahnder, der sich nicht mit einem Freispruch von Mario L. zufriedengeben wollte, sondern seine Vermögensverhältnisse einer speziellen polizeilichen Untersuchung unterziehen wollte, von der Verfolgung des Falls Mario L. entbunden und in ein anderes Bundesland versetzt. Es gibt keine konkreten Belege für eine Einflussnahme aus der Politik auf diese Versetzung des Fahnders. Aber wie so oft gibt es Ergebnisse, die zufällig sein können, die mensch aber nicht zwangsläufig als Zufall verstehen muss. Solche Ambivalenzen laden natürlich zu Spekulationen ein. Aber Birgit Tanner und Helena Piontek sind dieser Versuchung nicht erlegen.

So gibt dieser Podcast einen hoch spannenden Einblick in einen gesellschaftlichen Bereich, der sich gewöhnlich neugierigen Blicken bewusst entzieht. Zumindest die deutsche Politik und Gerichtsbarkeit scheinen sich auch nicht sonderlich dafür zu interessieren. Dabei, so die Podcasterinnen, sind die beschriebenen Entwicklungen mittelfristig geeignet, eine demokratische Gesellschaft und eine halbwegs funktionierende öffentliche Verwaltung zu zersetzen, wie italienische Mafia-Jäger betonen.

Mafiöse Parallel-Wirtschaft

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Kommentare 6
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor einem Jahr

    Genau, so entstehen Verschwörungstheorien 😏
    "Es gibt keine konkreten Belege für eine Einflussnahme aus der Politik auf diese Versetzung des Fahnders. Aber wie so oft gibt es Ergebnisse, die zufällig sein können, die mensch aber nicht zwangsläufig als Zufall verstehen muss. Solche Ambivalenzen laden natürlich zu Spekulationen ein."

  2. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor einem Jahr

    phantastischer piq...danke. Ich freu mich auf den Podcast.

    1. Jürgen Klute
      Jürgen Klute · vor einem Jahr

      Danke. Heute berichten ja einige Zeitungen von einer größeren Polizeiaktion in Deutschland gegen die 'Ndrangheta: https://taz.de/Schlag-.... Offensichtlich bewegen sich da mittlerweile doch einige Verantwortlich etwas.

    2. Lutz Müller
      Lutz Müller · vor einem Jahr · bearbeitet vor einem Jahr

      @Jürgen Klute Danke für den Piq.

      2021 nahm der bundesweit erste Mafia-Untersuchungsausschuss seine Arbeit auf.
      Katharina König-Preuss, Obfrau der Fraktion DIE LINKE im Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags 7/1 „Mafia“: „Angesichts der bisherigen Erkenntnisse ist davon auszugehen, dass es in Thüringen fest verankerte Mafia-Strukturen gibt. Darüber hinaus wurde deutlich, dass es einer breiteren Sensibilisierung für die Gefahren, die von Mafia-Strukturen ausgehen, bedarf.“ In einer Veranstaltungsreihe sollen auch die bisherigen Erkenntnisse über mögliche Verbindungen in Justiz, Polizei und Verwaltung thematisiert werden. https://www.die-linke-...

      Bei einem Aufenthalt in Erfurt vor etwa 15 Jahren erfuhr ich von dem offenen Geheimnis, dass Spuren des Geldes der 'Ndrangheta in die Landeshauptstadt führen. Wie die Thüringer Allgemeine am 01.03.2023 schreibt, begannen Ermittlungen bereits im Jahr 2000. Das BKA berichtete über die Ausbreitung der italienischen Kriminalität in Deutschland, darunter auch über Erfurt als Stützpunkt der 'Ndrangheta. Der Bericht wurde der Staatsanwaltschaft Gera übergeben. Warum die aufwändigen Ermittlungen vor knapp 20 Jahren ohne Festnahmen und Anklagen eingestellt wurden, versucht nun der Untersuchungsausschuss herauszufinden.
      https://www.pressreade...

      Investigativ-Journalist und Autor Jürgen Roth, insbesondere auch in Bezug auf Ostdeutschland, 2009: "Ich glaube die Justiz im Allgemeinen hat immer noch nicht verstanden was a. Mafia ist und b. welche Bedrohung von ihr ausgeht. ... Erstens gibt es eine enge Vernetzung zwischen den jeweiligen Mafia-Organisationen und deutschen Strohleuten und Unterstützern in Banken und Wirtschaft. Und zweitens sind sie Teil unserer politischen Kultur geworden. Wir haben eine deutsche mafiose Kultur, im wahrsten Sinne des Wortes ..." Viele Fragen tun sich auf, aber auch mögliche Erklärungsmuster, warum unabhängige Ermittlungen oftmals behindert wurden. https://www.planet-int...

      Hinzu kommen die schon lange kritisierten großzügigen, die Geldwäsche begünstigenden Regelungen für Bargeldgeschäfte bspw. mit Immobilien.

    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Jahr · bearbeitet vor einem Jahr

      @Lutz Müller In Erfurt ist das ja teilweise Stadtgespräch (gewesen) ….

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Jahr

      @Lutz Müller Ich denke manchmal, in D haben wir mehr Angst vor Polizeigewalt, racial profiling etc. als vor Mafia- oder Clankriminalität ….

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