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Volk und Wirtschaft

Deglobalisierung - das Ende der Weltordnung, wie wir sie kennen

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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Thomas WahlFreitag, 17.05.2024

Der ECONOMIST bangt in mehreren Artikeln zu Recht um die globalisierte Weltordnung. Auch wenn auf den ersten Blick die Weltwirtschaft beruhigend stabil scheint.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch die Fragilität. Seit Jahren ist die Ordnung, die die Weltwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg bestimmt hat, untergraben worden. Heute steht sie kurz vor dem Zusammenbruch. Eine besorgniserregende Anzahl von Auslösern könnte einen Abstieg in die Anarchie auslösen, in der die Macht das Recht hat und Krieg wieder das Mittel der Großmächte ist. Selbst wenn es nie zu einem Konflikt kommt, könnten die Auswirkungen eines Zusammenbruchs der Normen auf die Wirtschaft schnell und brutal sein.

Gerade die USA, die über Jahrzehnte als Vorreiter einer liberalen Weltwirtschaftsordnung auftraten, neigen jetzt in Zeiten wachsender geopolitischer Spannungen zu mehr Protektionismus. Es ist nicht neu, das Großmächte ihre Außenhandelspolitik in umfassendere globale Strategien einbetten. Zwischen der Strukturierung der internationalen politischen und der wirtschaftlichen Ordnung besteht i.d.R. immer eine strategische Wechselwirkung.

Die Amerikaner verstanden die liberale Welthandelsordnung der Nachkriegszeit als ein Instrument, um den Westen im Systemwettbewerb mit dem real existierenden Sozialismus zu kräftigen. Heute verbindet sich mit der chinesischen „Neuen Seidenstraße“ nicht alleine der Wunsch nach wirtschaftlichem Austausch, sondern auch die Absicht, politischen Einfluss vorwiegend unter ärmeren Ländern zu gewinnen.

Das ist als Interessenpolitik auch nachvollziehbar und legitim. Was aber seit einiger Zeit in dem globalen Gefüge, in den Organisationen der Weltwirtschaft geschieht, hat eine andere, besorgniserregende Qualität. Seit Jahren blockieren die Amerikaner die Welthandelsorganisation (WTO). Der IWF stagniert zwischen einer grünen Agenda und der Sicherung der finanziellen Stabilität ärmerer Länder. Der UN-Sicherheitsrat ist gelähmt von den widerstreitenden Interessen seiner ständigen Mitglieder. Und zunehmend versuchen Konfliktparteien internationale Gerichtshöfe als Waffe zu instrumentalisieren.

Auch die wirtschaftlichen Globaldaten, die der ECONOMIST zitiert, sind deutlich. In den letzten Jahren nimmt der grenzüberschreitende Handel und die Investitionen nicht mehr zu. Gründe sind sich ausbreitende wirtschaftliche Strafmaßnahmen verschiedener Art, zunehmende nationale Industriepolitiken und eben der Verfall der globalen Institutionen. Einige Länder enteignen auch große Vermögenswerte.

Ein Index, der Hinweise auf wirtschaftliche Unsicherheit in prominenten Publikationen erfasst, ist doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Jahre 1997 bis 2015.Nicht nur der Welthandel mit Waren stagniert, sondern auch der Handel mit Dienstleistungen leidet unter demselben Problem.Auch der Anteil der grenzüberschreitenden Investitionen am Welt-BIP ist rückläufig. Sowohl die langfristigen (Direkt-) als auch die kurzfristigen (Portfolio-) Ströme liegen weit unter ihren Höchstständen. Die Unternehmen ziehen sich zurück, um vor allem geopolitische Spannungen zu vermeiden. Der Anteil der amerikanischen Unternehmensgewinne, die aus dem Ausland kommen, sinkt rapide. Westliche Anwaltskanzleien und Banken ziehen sich aus China zurück. Nach Russlands Einmarsch in der Ukraine im Jahr 2022 zog sich McDonald's aus dem russischen Markt zurück. Ein neues Restaurant in russischem Besitz, „Delicious, full stop“, hat viele Filialen der amerikanischen Kette übernommen.

Der Rückzug ins Nationale, in den (Wieder)Aufbau eher nationaler oder regionaler Wertschöpfungsketten könnte teuer werden. Die Produktion im kleineren Maßstab für nicht-globale Märkte ist weniger effektiv. Das heißt, sie wird wohl den Wohlstand reduzieren und das weltweit. Wenn dieser Rückzug - angesichts der demographischen Probleme - nicht sogar weitgehend fehlschlägt.

Die Verluste der Deglobalisierung könnten tiefgreifender werden, als viele von uns sich das vorstellen. Ich will hier nicht das Gespenst an die Wand malen, wie der Erste Weltkrieg die "Erste Globalisierung" im frühen 20. Jh. beendete. Was dann zu der fürchterlichen Weltwirtschaftskrise führte. Aber die Stimmen, die immer wieder die ungebremste Globalisierung als eigentliche Ursache für Ungleichheit, die weltweite Finanzkrise und die Vernachlässigung des Klimas kritisieren sind m.E. gefährlich. Sie ignorieren die Tatsache, dass
die Errungenschaften der 1990er und 2000er Jahre - der Höhepunkt des liberalen Kapitalismus - … in der Geschichte unerreicht (sind). Hunderte von Millionen Menschen entkamen in China der Armut, als das Land in die Weltwirtschaft integriert wurde. Die Kindersterblichkeitsrate ist weltweit auf weniger als die Hälfte des Wertes von 1990 gesunken. Der prozentuale Anteil der durch staatliche Konflikte getöteten Menschen an der Weltbevölkerung erreichte 2005 einen Nachkriegstiefstand von 0,0002 %; 1972 war er noch fast 40 Mal so hoch. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass die Ära des „Washingtoner Konsenses“, den die heutigen Staats- und Regierungschefs zu ersetzen hoffen, eine Zeit war, in der die armen Länder begannen, einen Wachstumsrückstand aufzuholen und die Lücke zu den reichen Ländern zu schließen.

Der Verfall des globalisierten Systems der Wirtschaften droht diesen Fortschritt zu verlangsamen oder sogar rückgängig zu machen. Die Spannungen zwischen dem Westen auf der einen und China, Rußland sowie weiterer Teile des globalen Südens auf der anderen Seite lassen einen Wirtschaftskrieg (oder gar einen Weltkrieg?) wahrscheinlicher werden. Damit sinken die Chancen auf eine sinnvolle Reform der globalen Institutionen. Es wird zunehmend bestritten, dass der Wandel durch Annäherung auch positiv funktioniert hat. Allerdings ein Wandel durch Auseinandergehen in Konfrontation, der muß wohl schief gehen ……

Deglobalisierung - das Ende der Weltordnung, wie wir sie kennen

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Kommentare 8
  1. Ferdinand H
    Ferdinand H · vor 26 Tagen

    Es passt vielleicht nicht ganz zum Thema, aber ich möchte eine der Thesen des Artikels kritisieren: "Die Produktion im kleineren Maßstab für nicht-globale Märkte ist weniger effektiv. Das heißt, sie wird wohl den Wohlstand reduzieren und das weltweit." Meiner Meinung nach stimmt dies nur bedingt, unter der Annahme das der Transport relativ günstig ist. Bislang werden diese Transaktionskosten für den Weg zwischen Produzent und Konsument besonders niedrig bewertet, weil eine Externalisierung der Kosten stattfindet. Die Kosten für die Naturverschmutzung durch CO2 intensiven Transport oder die Störung von Ökosystemen (etwa durch Tanker in den Weltmeeren) werden nicht ausreichend eingerechnet, sie sind überwiegend von der Öffentlichkeit zu tragen. Würden diese mit ihren tatsächlichen Kosten angerechnet, wäre unser globaler Handel in der Krise, vieles würde sich schlicht nicht mehr rechnen (z.B. Plastikspielzeug aus China im deutschen Einzelhandel). Insofern leben wir in einem Wirtschaftssystem was nur scheinbar profitabel ist - die These das es hilfreich ist wenn Unternehmen sich weltweit spezialisiert ist wahrscheinlich richtig aber sie verkennt die wahren Kosten zu berechnen. Viele weltweiten Unternehmen wären durch eine Vollkostenrechnung auf einem unprofitable.
    Hinzu kommt das globale Märkte unendlich Komplex sind und deswegen die zugrundeliegenden Regeln nicht verändert werden. Ein de-coupeling ermöglicht es Regeln im Kleinen wieder zu ändern - hin zu einer Wirtschaft die eine Vollkostenrechnung betreibt, also ihre Umweltschäden einrechnet.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 25 Tagen

      Das Problem der Transportfolgen und -Kosten gehört sicher zur Globalisierungsdiskussion. Kann aber nicht isoliert betrachtet werden. Das Tankerbeispiel ist m.E. nicht ganz treffend. Erneuerbare Energien sollten sowohl den Öltransport als auch den CO2-Ausstoss des Transportes selbst reduzieren. Andererseits erfordert ja die entkoppelte Industrie mehr Produktionsanlagen, die selbst mehr Energie verbrauchen. Man müßte das mal komplett simulieren um zu klareren Aussagen zu kommen. Vieles hinge dabei aber von den Annahmen ab und auch die zukünftigen Innovationen in Transport und Produktion sind offen.

      Das eigentliche Problem der Dezentralisierung sehe ich allerdings darin, dass der erste, der aus der Globalisierung in der beschriebenen Art der "Vollkostenrechnung" aussteigt, dramatisch an Produktivität und Wohlstand verlieren wird. Und wenn der CO2-Ausstoß global weiter steigt, dann mit der niedrigeren Produktivität sich auch schlechter an den Klimawandel anpassen kann. Deutschland scheint mir dafür leider ein Beispiel zu sein.

      Ein De-Coupling zur Klimarettung wird daher nur koordiniert mit allen funktionieren können. Was schon beim 1,5 Grad-Ziel nicht funktioniert hat. Und unter den gerade steigenden Spannungen in der Welt noch unwahrscheinlicher wird.

    2. Ferdinand H
      Ferdinand H · vor 25 Tagen

      @Thomas Wahl Interessanter Gedanke mit dem "ersten der Aussteigt" - da muss ich darüber nachdenken. Es könnte aber auch Positiv sein, als eine Art Innovationsführung, als Staat der Resilient ist und seine Abhängigkeit verringert hat, in einer Welt die zunehmend die Schwächen des anderen ausnutzt.

      Ganz grundsätzlich teile ich den Gedanken das eine weltweite Koordination nicht funktioniert. Damit schlittern wir leider in die Katastrophe. Die Welt wird sich wahrscheinlich erst besinnen, wenn es zu spät und das leiden unerträglich ist.

    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 25 Tagen

      @Ferdinand H Ich bin nicht ganz so pessimistisch. Der Ausstieg wird wohl allmählicher von statten gehen und länger dauern. Es wird eine Erwärmung geben die höher ist als 2 Grad. Und gegen die Folgen wird man sich wappnen können. Hoffentlich …..

  2. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 26 Tagen

    Nein, eine Deglobalisierung findet nicht statt, sondern es ist wieder ein wiederkehrender Angst- und Schlachtruf der Teile der Herrschenden, deren Macht schwächer wird.

    Hierzu ein älterer Pick mit Adam Tooze:
    https://forum.eu/zeitg...
    Darin heißt es:
    "Die Welt wird nicht deglobalisiert, sondern sie globalisiert sich in eine andere Richtung. Wir erleben eine gewalt­tätige Verschiebung in der Geometrie der Macht­systeme."

    Ein Fingerzeig auf diese ungeheuren Verschiebungen bringt dieser aktuelle FAZ-Artikel von Katharina Wagner:
    https://zeitung.faz.ne...

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 26 Tagen · bearbeitet vor 26 Tagen

      Das scheint mir in einen Streit um Begriffe zu münden. Nenne die gewalttätige Verschiebung in der Geometrie der Machtsysteme wie du willst. Als Tooze seine These vor zwei Jahren formuliert hat, wäre ich ihm vielleicht noch gefolgt. Die Entwicklungen laufen allerdings sehr schnell. Seither sind die Zollschranken, der Protektionismus weiter hochgegangen, die globalen Institutionen werden weiter schwächer und die neuen Wertschöpfungsketten entstehen zielgerichtet vornehmlich zwischen nahen Verbündeten. Man setzt auf militärische und politische Macht sowie auf strategische wirtschaftliche Unabhängigkeit. Letzteres ist ja ein Stück weit auch vernünftig.

      Deglobalisierung heißt ja nicht, dass gar keine Waren, Informationen und Dienste mehr über den Globus gehandelt werden. Aber eben über strenger regulierte nationale Grenzen und im stagnierenden/sinkenden Umfang. Und es heißt auch nicht, dass die Weltmächte nicht doch noch zur Vernunft kommen könnten. Allerdings ist auch viel Schlimmeres vorstellbar.

    2. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 25 Tagen

      @Thomas Wahl Tooze begründet seine Ansichten geschichtlich: Phasen von Protektionismus gehören zur Globalisierung.

      Als nach 1878 im Deutschen Reich und anderswo Zollschranken aufgebaut wurden, hieß es auch, jetzt wird der internationale Austausch eingeschränkt.

      Offensichtlich entwickelten sich im Schutz vor den liberalen Sturmwinden Innovationen. Das Auto zum Beispiel.

    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 25 Tagen

      @Achim Engelberg Natürlich kann es nach einer protektionistischen Periode einen neuen Anlauf geben. Nach dem Ende Westroms hat das allerdings ein paar Jahrhunderte gedauert. Also nichts ist unmöglich aber alles etwas spekulativ ……

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