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Die Wichtigkeit deutscher Erinnerungskultur

Dennis Basaldella
Medien- und Filmwissenschaftler, Historiker
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Dennis BasaldellaMontag, 02.01.2023

Wer Ende letzten Jahres neben den Weihnachtseinkäufen und den anderen Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest die Nachrichten verfolgt hat, dem ist sicherlich nicht die Rückgabe der sogenannten Benin-Bronzen entgangen. Am 20. Dezember gaben Außenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth dem nigerianischen Staat 20 kostbare Bronzen zurück, die 1897 durch das British Empire geraubt wurden und seitdem nicht nur im British Museum in London ausgestellt waren, sondern durch zahlreiche Verkäufe auch in den USA und Europa landeten.

Die Rückgabe ist nicht nur, wie Roth selbst in dem oben verlinkten Tagesschau-Artikel betont, ein historischer Moment, sondern auch ein Wendepunkt in der deutschen Kulturpolitik. Sie ist aber auch ein wichtiger Meilenstein in der leider in der Öffentlichkeit nur marginal diskutierten und vor allem wenig bekannten postkolonialen Debatte über die Rolle Deutschlands während der Kolonialzeit. Denn das deutsche Kolonialreich war im Verhältnis zu den anderen europäischen Mächten zwar klein, aber die Herrschaft in den Kolonien nicht weniger brutal. Im Gegenteil. Es hat 113 Jahre gedauert, bis der Deutsche Bundestag das Massaker der deutschen Truppen an den Herero und Nama im heutigen Namibia überhaupt als Völkermord anerkannt hat – und die im Mai 2022 beschlossene finanzielle Entschädigung für die Nachfahren der Opfer ist darüber hinaus noch in der Kritik. Ja, Deutschland tut sich schwer mit der Diskussion über die eigene koloniale Vergangenheit – und, dass das Thema an deutschen Schulen auch noch nur unzureichend diskutiert wird, zeigt unter anderem die Podcast-Folge "Kolonialgeschichte im Schulunterricht – Zu weiße Perspektive?" von SWR2 Wissen.

Im Zuge dieser andauernden Debatte und der bereits erwähnten Rückgabe der Benin-Bronzen meldet sich der umstrittene Historiker Egon Flaig mit zwei Artikeln vom 11.10. und vom 14.11. (beide FAZ) zu Wort. Dass die beiden provokativen Artikel Flaigs hinter einer Paywall sind, macht das Problem des Diskurses noch einmal deutlich.
Dass sich Aleida Assmann, die mit ihrem Mann Jan Assmann zu den wichtigsten und bedeutensten Kulturwissenschaftler:innen des Landes gehört, in ihrem Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau deutlich gegen Flaig stellt, ist für die Kolonialismus-Debatte und den Umgang mit deutscher Erinnerungskultur von großer Bedeutung. Denn Flaig – der vor einigen Jahren von der AfD zu einer Debatte über Erinnerungskultur ins Paul-Löbel-Haus des Deutschen Bundestages eingeladen wurde – steht für eine Tendenz und Denkweise, die sich in Deutschland in den letzten Jahren verstärkt zeigt. Eine Denkweise, die dafür plädiert, Schuldfragen aus der Erinnerungskultur zu verbannen.
Eine höchst problematische Sichtweise, denn wie schon der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai vor dem Deutschen Bundestag im Jahr 1985 sagte: "Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren."

Die Wichtigkeit deutscher Erinnerungskultur

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Kommentare 18
  1. Lutz Müller
    Lutz Müller · vor mehr als ein Jahr

    Egon Flaig hat in der FR vom 24. Januar Aleida Assmann entgegnet: www.fr.de/kultur/gesel... . Er wirft der Wissenschaftlerin vor, seine Aussagen auf einer Ausschusssitzung im Bundestag in ihrem Artikel nicht korrekt wiedergegeben zu haben. Es ging um diese nichtöffentliche Sitzung Anfang 2019: https://www.bundestag.... ; Thema: „Pädagogische Konzepte und neue Vermittlungsformen bei der NS-Aufarbeitung“.

    A. Assmann hat tatsächlich E. Flaig nicht wörtlich zitiert, sondern indirekt wiedergegeben. Was er laut Protokoll sagte, steht in seiner Entgegnung. Allerdings sind weder die Sitzungsvorlagen, noch das gesamte Protokoll öffentlich. Es wird also nicht klar, welche konkreten Vorschläge behandelt wurden, um das Gedenken an die Shoah ins Zentrum zu rücken.
    Den Diskurs der letzten Jahre habe ich so wahrgenommen, dass das Thema insbesondere für die heranwachsende Generation wichtig ist – wegen erstarkendem Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit einerseits und zum anderen wegen der immer weniger werdenden Zeitzeugen der vergangenen Verbrechen.
    In diesem Kontext (und der Bezugnahme auf Karl Jaspers‘ Appell gegen das Vergessen im Namen der nachwachsenden Jugend) wäre Frau Assmanns stark verkürzte einleitende Darstellung der Position Flaigs durchaus schlüssig – wobei ein Grund der Reduzierung ist, dass der Artikel den Schwerpunkt in der Kolonialgeschichte setzt.
    Das ist mein rein menschlicher Eindruck des Ganzen – ich bin nicht berufen, auf theoretischem Niveau mitzureden, habe Geschichte nicht studiert oder dazu geforscht. Wir erinnern uns nicht nur an das Böse und müssen gar nicht unbedingt tausend Jahre zurückgehen: Goethe und Schiller, und Heine, Beethoven und Mendelssohn Bartholdy, Einstein, Sophie Scholl und Herbert Baum ... – so viel Positives macht unsere Kultur und Wissenschaft aus und hält unsere Erinnerungen wach. Ein Teil der Errungenschaften war mit einem Mal „entartet“ und sollte für alle Zeit ausgelöscht werden. Auch dessen müssen wir gedenken: Wehret den Anfängen!

    Im Zusammenhang mit der Kolonialismusdebatte ist auch relevant, dass sich die AfD Ende 2019 in einem 12seitigen Antrag an den Bundestag gegen die Restitution von Kulturgütern, die auf falschen Denkmustern basiere, und gegen die Anerkennung des Völkermordes an den Herero und Nama wandte. Darin beruft sie sich mehrfach auf E. Flaig: https://dserver.bundes... . Hat sie ihn falsch interpretiert?

    1. Lutz Müller
      Lutz Müller · vor mehr als ein Jahr

      Zu Aleida Assmanns Artikel seien hier noch zwei Beiträge im FR-Blog empfohlen, von Detlef Geisendörfer und Norbert Fabian: http://frblog.de/f2020...

  2. Lutz Müller
    Lutz Müller · vor mehr als ein Jahr

    Die Diskussion zu diesem Piq schien – angesichts der vorangegangenen Kontroversen zu Egon Flaig – irgendwie versandet zu sein. Zur Antwort von Dennis Basaldella, der ich nur zustimmen kann, sei noch Folgendes ergänzt.

    1) Zur Multidimensionalität des Gedenkens an vergangene Verbrechen des Kolonialismus und der Shoah sollte unbedingt Achim Engelbergs www.piqd.de/zeitgeschi... empfohlen werden. Den Piq entdeckte ich erst vor kurzem. Er gehört zum Kern der Zusammenhänge, die in den bisherigen Debatten reflektiert wurden.

    2) Auf https://taz.de/Restitu... erschien kürzlich ein Artikel von Fabian Lehmann. Er fasst die konträren Standpunkte zur Restitution der Benin-Bronzen zusammen. Zu Wort kommt die Ethnologin Barbara Plankensteiner, Wissenschaftliche Leiterin des Museums am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt in Hamburg. Insbesondere wichtig, da in den hitzigen Debatten um historische Wahrheiten die kunst- und kulturhistorischen Aspekte des Kunstraubs und der Verletzung der nationalen Identität ihrer Schöpfer völlig ausgeklammert wurden.

    3) Navid Kermani schreibt in der ZEIT: „Wann bekommt Afrika die von den Europäern geraubten Skelette seiner Ahnen zurück? Die Körper der Verstorbenen sind für die Kultur des Kontinents unverzichtbar.“ www.zeit.de/2023/04/ko... (Paywall; der unten erwähnte Mangi Meli ist auf einem frei zugänglichen Foto zu sehen).
    Kermani: „Was bleibt, wenn der Mensch stirbt? Die meisten Kulturen lehren, dass der Geist fortlebt, und selbst wer nicht von Seele spricht, würde dennoch zugeben, dass jeder Verstorbene seinen Angehörigen etwas Immaterielles hinterlässt, Erinnerungen, Prägungen. Zumal in der modernen Welt nehmen Menschen enorme Anstrengungen auf sich, damit etwas Handfestes von ihnen bleibt, ein Gebäude oder eine Stiftung, ein Staat, eine Entdeckung, ein Kunstwerk oder einfach nur viel Geld. Die Angst, keine Spuren zu hinterlassen, oder in anderen Worten: die Angst vor dem Nichts, hat in der Geschichte der menschlichen Zivilisationen für enorme Entwicklungsschübe gesorgt. Einig scheinen sich die meisten Kulturen darin zu sein, dass der Leib eine leere Hülle ist, sobald kein Herz mehr darin schlägt, eine Hülle, die verbrannt wird oder von selbst zerfällt, bis nur noch Knochen übrig sind, und die Knochen verwandeln sich zu Staub…
    Am 2. März 1900 wurde hier [im Norden Tansanias] Mangi Meli, Führer des Volkes der Chagga, zusammen mit 18 weiteren Widerstandskämpfern von den deutschen Kolonialherren gehängt. Ihre Köpfe wurden vom Körper getrennt und ins Kaiserreich verschifft, damit Forscher sie forensisch untersuchen konnten, wobei das Ergebnis, die Überlegenheit der westlichen Rasse, von vornherein feststand...
    Jetzt steht Chief Melis Enkel Isaria Anael unter der Akazie [am Ort der Hinrichtung] …, und er hat an den deutschen Staat eine einzige Forderung: Nein, kein Geld, keine Entschuldigung, Isaria Anael Meli will, dass der Schädel seines Großvaters zurückkehrt. Solange der Leib nicht vollständig ist, finden weder er Frieden noch wir, sagt der Enkel, der für sein Anliegen kämpft, seit ihm 1954 der kopflose Chief Meli im Traum erschien.“
    Der Rückgabe der geraubten Köpfe standen bisher immense bürokratische Hürden entgegen; auch darüber erzählt der Artikel.

    4) ... Fortsetzung siehe Antwort

    1. Lutz Müller
      Lutz Müller · vor mehr als ein Jahr · bearbeitet vor mehr als ein Jahr

      4) Der Historiker Stefan Hördler erklärt in der Dokumentation „Ein Tag in Auschwitz“ (ich empfahl sie hier: www.piqd.de/zeitgeschi...), wie der Raub persönlicher Gegenstände, selbst Fotoalben, an denen Erinnerungen hängen, auch die Identitäten der Deportierten verschwinden lässt und resümiert, „... dass der Raub einer Identität auch die Erinnerung an ganze Menschengruppen auslöscht, als wenn es diese Menschen gar nicht gegeben hat.“

      Diesen Superlativ führe ich hier an, auch wenn es unangebracht klingen mag – gestohlene und vernichtete Leben sind etwas Anderes als Kunstraub oder Zerstörung nationaler Heiligtümer, wie sie oft mit Völkermorden einhergehen.

      5) @ Thomas Wahl: („Flaig plädiert nicht dafür Schuldfragen aus der Erinnerungskultur zu verbannen.“)

      Erinnerungskultur ist Flaig im Großen und Ganzen egal. Seine Argumentation, Wiedergutmachung würde zum illusorischen Projekt, da die Nachfahren der afrikanischen Herrscher sich für vergangene Untaten nicht entschuldigen, zeigt das doch. Erinnerung bei Flaig mündet in Äußerungen wie bspw. zum Mord an Walter Lübcke (siehe www.piqd.de/wissenscha... ).

      Gedenken und Trauer über vergangene Untaten und Unrecht muss doch im eigenen Land, beim eigenen Volk anfangen. Man kann nicht ein Verbrechen mit den Verbrechen Anderer aufrechnen.

      Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist es, die Fakten offenzulegen. Flaigs Aktivitäten gegen Wiedergutmachung sind politischer Natur. Ich denke, im Fall der Restitution der Bronzen hat die Bundesregierung auf die richtigen Wissenschaftler gehört. Nur durch diesen Akt kann Druck auf die Herkunftsländer der Sklaven ausgeübt werden, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Das Anliegen der Restitution Study Group verstehe ich insoweit, dass die Kunst- und Kulturgüter der Allgemeinheit, und somit auch den Nachfahren der Sklaven, im globalen Maßstab zugänglich sein müssen. Dieser Prozess scheint auf einem guten Wege zu sein.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor mehr als ein Jahr

      @Lutz Müller Ich weiß nicht ob Flaig "die Erinnerungskultur" egal ist. Ich bin auch nicht so schnell im Verteilen von Aufklebern wie "rechte und revisionistische Ansichten". Das hat immer etwas von Selbstbestätigung. Ich markiere also bin ich.

      Und die Bemerkung "Wer in der Öffentlichkeit das Wort ergreift, muss für seine Worte einstehen - lebenslang" schildert eine soziale Tatsache. So ist es. Auch Flaig wird das merken.

      Was den Druck auf die Herkunftsländer ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, betrifft, habe ich nicht den Eindruck das dies funktioniert. Der aktuelle Obakönig hat keine Reue oder irgendeinen Lernprozess erkennen lassen. Er hofft und freut sich, dass die Bronzen wieder in den Schoß der Familie kommen. Und viele Afrikaner haben ja den Schuldigen bestätigt bekommen - die Europäer. Warum sollen sie da über ihre eigenen Verstrickungen nachdenken? Zumal sie ja mit den aktuellen Bürgerkriegen ganz andere Kämpfe austragen?

    3. Lutz Müller
      Lutz Müller · vor mehr als ein Jahr

      @Thomas Wahl Aleida Assmann hat bestimmt keine „Selbstbestätigung“ nötig, indem sie andere „markiert“.
      Sie schreibt, Egon Flaig hatte sich von der AfD zu einer Diskussionsrunde in den Bundestag einladen lassen. Dort erklärte er, „dass die deutsche Holocaust-Erinnerung ein Irrweg sei. Für ein nationales Gedenken kämen nämlich nur positive Ereignisse in Frage, die das Selbstbild einer Nation stützen. Die nationale Erinnerung habe die Aufgabe, den gemeinsamen Stolz zu stärken, mit einer Schulderinnerung sei kein Staat zu machen.“

      Und Flaigs Spruch „Wer in der Öffentlichkeit das Wort ergreift, muss für seine Worte einstehen - lebenslang"?
      Das bezog sich auf einen Toten, einen Ermordeten, der gerade dies tat, und verhöhnt damit das Opfer Rechtsradikaler. Die Aussage war natürlich „überhaupt nicht“ gegen Walter Lübcke persönlich gerichtet. In blindem Eifer, gegen die Flüchtlingspolitik vorgehen zu müssen, geht Flaig über Leichen.

      Ja, das Leben wird ihn dafür strafen, oder straft ihn schon. Wie genau, ist unbedeutend. Aber wie soll man so einen Wissenschaftler, sogar Rechtshistoriker, nicht als Rechten bezeichnen?

      Und was die Restitution der Kulturgüter betrifft, so handelt es sich bei ihnen um Beutekunst. Der Kunstraub ist nicht einmal mit Reparationen für vermeintlich erbrachte Opfer bei Abschaffung der Sklaverei zu rechtfertigen oder als Belohnung für Verdienste daran zu sehen. Völkerrechtlich gibt es keine Begründung gegen die Rückgabe. Dafür gelten allgemeingültige Prinzipien, vgl. das hier empfohlene Feature von Dlf Kultur www.piqd.de/zeitgeschi...

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor mehr als ein Jahr

      @Lutz Müller So viel ich weiß, war auch A. Assman bei der Diskussionsrunde dabei und gibt diesen Text als erinnertes Zitat so wieder. Wortgleich oder als subjektive Erinnerung? Sollten diese Worte von Flaig so gefallen sein, sind sie sicher nicht meine Meinung. Aber ich würde das gern noch mal von ihm selbst hören.

      Im Übrigen glaube ich auch nicht, dass man in der Geschichte begangenes Unrecht wieder gutmachen kann. Auch nicht über Generationen. Eine Verantwortung besteht natürlich, insbesondere die Wiederholung in jeder Art zu verhindern.

      Warum die Feststellung „Wer in der Öffentlichkeit das Wort ergreift, muss für seine Worte einstehen - lebenslang"? das Opfer verhöhnen soll, erschließt sich mir nicht. Das erscheint mir ein sehr subjektiver verurteilender Vorwurf zu sein. Und über Leichen geht er damit gewiss nicht. Das Zitat beweist den Vorwurf gegen Flaig nicht. Wir bewegen uns da m.E. im Bereich des Ressentiments. Man tut da was, das man Flaig eigentlich vorwirft. Im blinden Eifer ihn markieren zu müssen …..

      Ja, die Beninbronzen sind doppelte Beutekunst. Gefertigt für den Obakönig aus den Erlösen der geraubten und an die Europäer verkauften Sklaven und dann von den Briten nach der Strafexpedition geklaut. Gegen eine Rückgabe ist eigentlich nichts einzuwenden. Wenn sie an die richtigen erfolgt. Ob die dann über ihre eigenen historischen Verstrickungen nachdenken, das werden wir sehen.

    5. Lutz Müller
      Lutz Müller · vor mehr als ein Jahr

      @Thomas Wahl Wiedergutmachung von Unrecht durch nachfolgende Generationen ist allenfalls nur in ganz geringem Maße und nur in materieller Hinsicht möglich. Erloschene Leben lassen sich nicht zurückholen und erlittene Leiden nicht vergessen machen.

      Bei der auf ein Opfer von Rechtsextremisten bezogenen Äußerung geht es um ein vollkommen verschiedenes Verständnis von Anstand – tut mir leid, das sagen zu müssen. Allein deswegen kann man E. Flaig nur als Rechtsaußen bezeichnen.

    6. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor mehr als ein Jahr

      @Lutz Müller Ich finde ein verschiedenes Verständnis von Anstand und Moral gehört zu Gesellschaften. Besonders zur Demokratie. Und jeder hat das Recht, andere als lechts- oder rinksaußen zu bezeichnen. Man darf das auch gruppenbezogen sowie moralisch abwertend meinen. Das sagt nur nichts darüber aus, was sich dann letztendlich sozial bewährt.

    7. Cornelia Gliem
      Cornelia Gliem · vor einem Jahr

      @Thomas Wahl stimmt sicher, aber jetzt können wir wenigstens sie daran gemahnen ohne dass diese rufen können: gesteht erst mal eure schuld ein! gebt uns erst mal RaubKunst zurück!

  3. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor mehr als ein Jahr

    Was man alles über Afrika wissen sollte, für die Erinnerungskultur …..
    https://www.piqd.de/us...

  4. Lutz Müller
    Lutz Müller · vor mehr als ein Jahr · bearbeitet vor mehr als ein Jahr

    Achim Engelberg bezieht sich in www.piqd.de/zeitgeschi... u. a. auf einen früheren Artikel Aleida Assmanns zum Holocaust-Gedenken.
    Anfang 2022 erschien ein weiterer Beitrag dieser Wissenschaftlerin: https://www.fr.de/kult...

    und anlässlich des Tags der Befreiung veröffentlichte sie https://www.fr.de/kult...

    Hieran ist zu sehen, wie eng diese Themen verwoben sind. Danke für die Bezugnahme auf Richard von Weizsäckers wichtige Rede.

  5. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor mehr als ein Jahr

    Flaig plädiert nicht dafür Schuldfragen aus der Erinnerungskultur zu verbannen. Sondern er sagt, das die Schuldfrage nicht in den Geschichtswissenschaften zu klären ist. Und Flaig zu verdächtigen, er würde die Augen vor der Vergangenheit verschließen oder vor der Unmenschlichkeit, das ist einfach falsch. Man sollte in einem Diskurs beide Seiten zur Kenntnis nehmen und fair betrachten.

    1. Dennis Basaldella
      Dennis Basaldella · vor mehr als ein Jahr · bearbeitet vor mehr als ein Jahr

      Um beide Seiten zumindest zugänglich zu machen, habe ich auch versucht die Artikel von Flaig zu verlinken, doch leider sind sie hinter der Paywall - was wie gesagt dem Diskurs nicht wirklich dienlich ist.

      Man kann durchaus diskutieren, ob das Wort "verbannen" hier das richtige Wort ist, ja. Dennoch ist die Sichtweise Flaigs höchst problematisch - die zahlreichen hier in den Kommentaren verlinkten Artikel belegen das auch.
      Überhaupt ist problematisch, dass sich Flaig von der AfD hat einspannen lassen. Einer Partei, die auch dafür plädiert "die Vergangenheit ruhen zu lassen". Höcke nennt z.B. in seiner "Dresdner Rede" das Mahnmal für die ermordeten Juden in Berlin „Denkmal der Schande“. Dass niemand aus der AfD Höcke widerspricht, zeigt eigentlich die stille Zustimmung der AfD zu dieser Hocke-Aussage.
      Abgesehen davon, wenn man sich nicht mit der Sichtweise der AfD repräsentiert fühlt, dann sagt man auch nicht zu, wenn diese Partei einen zum einen Historiker:innen-Streit einlädt. Flaig hätte auch Nein sagen können. Wie Lutz Müller hier unten schon schreibt, eine Skandalisierung scheint ihm zugute zu kommen.

      Zurück zu Flaig selbst. Die Vergleiche die er anbringt sind problematisch. Zum einen sagt er, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Das ist falsch, denn wir müssen aus der Vergangenheit lernen, damit u.a. die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden - auch in diesem Sinne ist das Zitat der von Weizsäcker Rede zu verstehen. Die Geschichtswissenschaft muss dabei helfen bzw. ist es Teil ihrer Aufgaben. Ein gutes Argument dafür ist z.B. Spanien. Nach Francos Tod wurde hier ein Amnestiegesetz erlassen, bei dem beide Seiten (Rechte und Linke) freigesprochen wurden. Man wollte damit einen Neuanfang wagen, doch durch das Todschweigen der Vergangenheit, wurde das Problem der Verbrechen des Franco-Regimes nur in die Vergessenheit verbannt und rein gar nicht gelöst - im Gegenteil, es kommt wieder hoch. Das Amnestiegesetz ähnelt sehr dem Argument von Flaig, doch nur "positive Aspekte" in die nationale Gedenkkultur zu übernehmen (siehe Assmann-Text). Geschichte und Aufarbeitung funktionieren aber nicht nach dem Rosinenpickerei-Prinzip.

      Zum anderen "ersetzt [Flaig] umgehend das Wort ‚Verantwortung‘ durch das Wort ‚Schuld‘ ..." (aus dem Assmann-Text). "Verantwortung" bedeutet zwar auch "Schuld" im historischen Sinne (also X war verantworlich für Y und deswegen ist X für die Tat verantwortlich). Dennoch heißt "Verantwortung" zugleich "Mahnung" und "Gedenken". Gedenken der Opfer und Mahnung (wie oben geschrieben), dass so etwas nicht mehr passieren darf
      Die Klärung der Schuldfrage ist aus geschichtswissenschaftlicher Sicht notwendig und legitim und die Aufarbeitung der Schuldfrage und die damit verbundene Mahnung ist somit Aufgabe der Historiker:innen. Ob das juristische Konsequenzen hat (wie z.B. Ansprüche in Sachen Kolonialismus-Debatte, wie im Text von Assmann auch angedeutet), ist Aufgabe der Justiz und nicht der Geschichtswissenschaften - und das sagt auch niemand. Flaig versucht aber diese beiden als gleich darzustellen und damit gegeneinander auszuspielen, obwohl es zwei verschiedene Dinge sind.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor mehr als ein Jahr · bearbeitet vor mehr als ein Jahr

      @Dennis Basaldella Flaig sagt nicht, dass man die Vergangenheit ruhen lassen soll. Er ist Historiker. Ein Paywall ist auch keine Entschuldigung dafür, Flaig nicht ordentlich zu zitieren. Dito der Vorwurf, er habe sich von der AfD einladen lassen. Man kann bei Blendle die Artikel erwerben und zitieren. Seine Bücher sind verfügbar. So ist es ein Diskurs des Ressantiments und Vorurteils, ohne Neugier und Skepsis, was leider in D verbreitet ist.

      Eine seiner Kernaussagen ist: "Die Forderung nach historischer Gerechtigkeit muss sich an alle Seiten wenden." Also auch an die afrikanischen Oba-Könige, die ihre Nachbarn versklavten und an die Europäer verkauften. Um von den Erlösen die Metalle für ihre Bronzen zu kaufen und Waffen für die Sklavenjagd. "Damit wird Wiedergutmachung zum illusorischen Projekt,"meint Flaig. Man kann Gerechtigkeit gegenüber dem Geschichtsprozess nicht im Nachhinein herstellen. Wissen, Lernen und Verantwortung dafür, das sich das Furchtbare nicht wiederholt ist davon unbenommen. Geht aber nicht ohne Kenntnisse der realen Geschichte.

      "Die entscheidende Prämisse für das Konzept der „Historischen Gerechtigkeit“ besteht aus drei Dogmen, formuliert von Frantz Fanon in „Die Verdammten dieser Erde“ (1961): Die Europäer hätten den Kolonialismus errichtet, sie hätten den Rassismus erfunden, und sie hätten die Sklaverei gebracht. Seither leugnet der antikoloniale Diskurs vier historische Tatsachen: nämlich dass sämtliche Hochkulturen und, wie Orlando Patterson 1982 nachwies, auch eine Menge vorstaatlicher Ge­sellschaften sklavistische Systeme waren; dass nur in der westlichen Kultur ein Abolitionismus entstand und die weltweite Abschaffung der Sklaverei eine westliche Errungenschaft ist; dass sämtliche Eroberer diverse Formen von Kolonialismus praktizierten, wobei der arabische sicherlich der erfolgreichste war; dass Rassismus ein ubiquitäres Phänomen und in sklavistischen Gesellschaften geradezu un­ver­meidbar ist, und dass der hautfarbige Rassismus eine arabische Kreation ist. Historische Gerechtigkeit ist nicht zu haben ohne historische Wahrheit. Hier jedoch stehen wir vor vier Unwahrheiten. Mit diesen vier Leugnungen lässt sich ausgerechnet jene Kultur zur Quelle allen Übels dämonisieren, welche die Menschenrechte formulierte. Alle Einsichtsvollen und alle Guten sind verpflichtet, diese dämonische Kultur schlechthin abzuräumen.

      Paradoxerweise wäre dieser Diskurs gar nicht möglich gewesen ohne die menschenrechtliche Revolution nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch deren Errungenschaften werden nun anti-universalistisch gebraucht. So bemühte sich auf dem OAU-Gipfel von 1993 der tunesische Delegierte, die anderen Afrikaner davon abzubringen, Reparationen für die Sklaverei zu fordern. Stattdessen sollte man für den Kolonialismus Entschädigung verlangen. Das Motiv war offenkundig: Kommt es zu Reparationen für die Sklaverei, werden die arabischen Länder in enormem Ausmaß zahlungspflichtig. Dieselbe Unredlichkeit zeigt die französische „Loi Taubira“ von 2001, welche die europäische Sklaverei seit dem fünfzehnten Jahrhundert zu einem „crime contre l’huma­nité“ erklärt. Indes, warum ist die afrikanische oder die islamische Sklaverei nicht ebenfalls ein „crime contre l’humanité“?"

      Das alles spricht nicht gegen Verantwortung und Schuld. Aber eben unter Kenntnis und Würdigung der ganzen Geschichte. Sonst wiederholt sie sich ……

      https://www.faz.net/ak...

  6. Lutz Müller
    Lutz Müller · vor mehr als ein Jahr

    Und außer den drei unten genannten piqs erscheint Egon Flaig noch hier:
    https://www.piqd.de/wi...

    https://www.piqd.de/ze...

    sowie in der Diskussion hierzu: https://www.piqd.de/se...

    Indem Flaig sich bzw. seine Ansichten als Opfer der Cancel Culture stigmatisiert, scheint er die größtmögliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen ...

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