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Zeit und Geschichte

Als das Neuland noch wirklich Neuland war

Dennis Basaldella
Medien- und Filmwissenschaftler, Historiker
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Dennis BasaldellaDonnerstag, 07.12.2023

Seit Angela Merkel im Jahr 2013 auf einer Pressekonferenz mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama den Satz prägte: "Das Internet ist für uns alle Neuland", hat sich der Ausdruck "Neuland" zu einem geflügelten Wort entwickelt. Das Ironische daran ist, dass er nicht der Realität entspricht. Bereits 2013 war das Internet kein unerforschtes Terrain mehr. Vielmehr steht "Neuland" für eine Denkweise, die sich selbst etwas vormacht, die Realität ignoriert und nicht wahrhaben will, dass die Welt bereits mehrere Schritte weiter ist.

Damals betrachtete sich Deutschland fälschlicherweise als Spitzenreiter in der Technologiewelt, obwohl es sich tatsächlich im stabilen Mittelfeld befand - und heute ist dies nicht anders. Dabei wurde beharrlich übersehen, dass andere Länder Deutschland längst überholt hatten und weiterhin überholen.

Ähnlich verhält es sich mit der DDR in der Feature-Serie "Neuland", einer sechsteiligen Reihe über die Geschichte der ostdeutschen Mikroelektronikindustrie aus dem Jahr 2018, die mir kürzlich zufällig in die Hände fiel – eine ironische Fügung. Wie das heutige Deutschland befand sich die DDR in den 1980er Jahren, in denen die sechs Folgen spielen, in einer zeitlosen Sphäre. Die Zeichen der Geschichte wiesen bereits darauf hin, dass der sozialistische Staat seinem Ende entgegentaumelte. Die DDR-Obrigkeit lebte jedoch in einer realitätsfernen Welt und erkannte die Zeichen der Zeit nicht. Gleichzeitig erreichte der kapitalistische Westen einen technologischen Standard, von dem die DDR nur träumen konnte, und versuchte mit allen Mitteln aufzuholen.

Die Feature-Serie gewährt einen faszinierenden Einblick in diese Ära. Geschickt vermitteln die einzelnen Folgen die Stimmung dieses zeitlosen Raums, indem sie zwei Ebenen gegenüberstellen: die Berichte der Zeitzeugen, die an den verschiedenen Projekten beteiligt waren, und die realitätsferne Welt der DDR-Politiker auf der einen Seite sowie die Erinnerungen der Autorin, die damals etwa zehn Jahre alt war und quasi für einen Großteil der Bevölkerung steht, auf der anderen Seite.

Als das Neuland noch wirklich Neuland war

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Kommentare 1
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 6 Monaten · bearbeitet vor 6 Monaten

    Danke, sehr spannend. Gerade, wenn man selbst dabei war. Etwas zu kurz kommt mir der wirtschaftliche Unsinn der Entscheidung, die Hochintegration von Mikrochips in der DDR überhaupt aufzubauen und auch das grundsätzliche ökonomische Scheitern der DDR und des ganzen Ostblocks. Die Mikroelektronik überstieg bei weitem die Ressourcen eines kleinen Landes mit 16 Mio. Einwohnern und die Arbeitsteilung im RGW hat nie funktioniert. Richtig war, man konnte technisch keine industrielle Entwicklung gewährleisten ohne Mikroelektronik. Aber die Mikroelektronikindustrie benötigte so hohe Investitionen, dass sich eine Produktion nur für den Weltmarkt rentieren konnte. Die DDR hatte weder die Investitionen noch den Weltmarkt. Und vielen "DDR-Politikern" und Wissenschaftlern war das ziemlich klar. Es gab einen erbitterten Streit zwischen der Plankommission unter G. Schürer sowie seinem Stellvertreter S. Wenzel und Günter Mittag. Letzterer war Mitglied des Politbüros, Sekretär für Wirtschaft des ZK der SED sowie Mitglied des Staatsrates und vertrat bei der Mikroelektronik die Linie Honeckers. Man kann die ganzen Auseinandersetzungen sehr schön nachlesen, etwa in

    Theo Pirker, u.a.: Der Plan als Befehl und Fiktion - Wirtschaftsführung in der DDR. Gespräche und Analysen; Westdeutscher Verlag 1995

    Da wird klar, dass die Wirtschaftsführer durchaus wußten, dass die DDR ohne Öffnung zum Westen keine Chance hatte. So sagt Mittag: "Aber ich wußte ja, - das wird nicht wahrgenommen, daß die Sowjetunion bereits 1980 bankrott war - bankrott!" Und speziell zur DDR: "In dem Moment, als das Neue Ökonomische System kaputtgemacht wurde (um 1970), …. , wirkte keine irgendwie geartete materielle Interessiertheit in diesem ganzen Prozeß." Das war für ihn der Anfang vom Ende. Er hat aber noch 19 Jahre versucht das Ende hinauszuzögern. Und die o.g. drei haben dann 1988 zusammengesessen: "Alexander Schalck, Siegfried Wenzel und ich - haben wir über die Konfödera­tion diskutiert. Wir haben die Konföderation nicht in dem Sinne verstanden, wie man eine gemeinsame Außenpolitik betreiben kann, was man gemeinsam machen kann, sondern wir hatten nur einen Gedanken: Wir brauchen, um einen Ausweg zu finden, ein Schuldenmoratorium, das war der Punkt Nummer eins. Das kann man ohne Unterstützung der BRD überhaupt nicht bekommen. Und zum zweiten: Wir brauchen neue Kredite, mindestens 10 bis 12 Milliarden DM, um die Um­stellung der gesamten wirtschaftlichen Tätigkeit auf die produktiven Zweige, also für produktive Investitionen in der verarbeitenden Industrie, insbesondere im Ma­schinenbau, wo wir auf den Weltmärkten gut und oft sehr rentabel arbeiten konn­ten, bewerkstelligen zu können."

    Denen war durchaus bewußt, das die DDR die breite Palette der Selbstversorgung nie durchgehalten hätte - man produzierte schätzungsweise 40 - 60% der Weltmarktgüter selbst für den Eigenbedarf in winzigen Stückzahlen - Irrsinn. Und dazu die extrem teure Mikroelektronik noch dazu. Das war ein weiterer Sargnagel für die DDR. Schürer sah das und meinte, den 256 Kilobit- Chip, "müssen wir … schaffen, weil das in eine Massenproduktion geht, in Werkzeugmaschinen und überall reingeht. Bei 1 Megabit hat die Plankommission schon gezweifelt, und wir sind eigentlich ausgestiegen und haben gesagt, das darf man nicht machen, das ist kostenmäßig so unbeherrschbar für uns, daß wir das nicht machen können. Natürlich hätte man dann bestimmte Geräte nicht produzie­ren können. …. "

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