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Flucht und Einwanderung

Was wird aus Europa? – Kontinent der Vermischung und der Gewalt

Achim Engelberg
Dr. phil.
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Achim EngelbergSamstag, 26.08.2023

Flucht und Einwanderung, Krieg und Vertreibung bestimmen auch Europa. Es ist durch die Wucht der Aufteilung der Welt ein Fluch und gleichzeitig auch eine Hoffnung auf ein besseres Leben in Freiheit.

In einem transatlantischen Briefwechsel, der bis nach Nordafrika reicht, geht es um Europa im 21. Jahrhundert. Beim Lesen musste ich an den berühmten Essay "Über den Begriff der Geschichte" von Walter Benjamin denken, der auf der Flucht vor den Nazis 1940 Selbstmord beging. Darin heißt es:

Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den andern gefallen ist.

Der in New York lebende niederländische Schriftsteller Arnon Grunberg fragt im Auftaktbrief:

Ist Europa mehr als nur Geografie? Wenn das der Fall ist, worin besteht dann dieses „mehr“? Können wir uns auf Werte einigen, ohne sie so allgemein zu halten, dass man direkt merkt: Sie wurden formuliert, um niemanden zu verletzen?

Der in Jugoslawien geborene slowenische Kollege Drago Jančar antwortet als Erster. Er, dessen Geburtsland im ersten großen Krieg in Europa nach 1945 unterging, weiß um die Risse im alten Kontinent. Ost- und Südosteuropa sind für viele im Westen so nah wie fern:

Der polnische Dichter Czesław Miłosz spricht anschaulich darüber. Ich zitiere aus seinem Buch „West- und Östliches Gelände (Rodzinna Europa)“: „Die Erde dreht sich wie ein winziger Apfel, und auf ihr findet man keine weißen Flecken mehr. In Westeuropa hingegen gilt man schnell als Gast aus Septentrion, wenn man aus den größtenteils unbereisten Gegenden im Osten oder Norden kommt, von dem man nur weiß, dass es kalt ist.“

...

Könnte es sein, dass die Idee der europäischen Werte in den Gesellschaften jenseits Europas Grenzen deutlicher erkennbar ist und besser verstanden wird als in Europa selbst?

Auch der dritte Brief stammt aus einem Nachfolgestaat Jugoslawiens und behandelt die Flucht und Migration von dort, die Europa prägt – wie Kriege zuvor.

Die bosnisch-serbische Autorin Lana Bastašić erinnert an die Lehren ihrer kürzlich verstorbenen, wesentlich älteren Freundin und Lieblingsschriftstellerin Dubravka Ugrešić. Wenig änderten die großen Geschichten vom Krieg in der kleinen Gegenwart und der nahen Zukunft:

Dieses Europa war es, das mich bald dafür bezahlen würde, über den Krieg zu sprechen. Offensichtlich war das alles, was es hören wollte: grausame Geschichten. Ich war „die Bosnierin“, die in einem schicken Theater in Belgien über „die Folgen des Krieges“ zu den Menschen sprach, die 150 Jahre brauchten, um die Statue von König Leopold II. zu entfernen. Ich war „die Bosnierin“, die in einer spanischen Buchhandlung über „die Folgen des Krieges“ zu den Menschen sprach, deren Diktator nach der Wiederherstellung der Monarchie friedlich in seinem Bett gestorben war und noch immer schöne Blumen auf seinem Grab hatte. Ich war „die Bosnierin“, die im böhmischen Salon einer toskanischen Baronin saß und über „die Folgen des Krieges“ zu den Menschen sprach, die bald Giorgia Meloni die Macht über ihr Land überlassen würden. Eine Europäerin war ich nie, denn das wollte niemand. Alle wollten „die Bosnierin“.

Von den Zerfalls- und Aufteilungskriegen Jugoslawiens geht es weiter zu einer ukrainischen Autorin, zu Oksana Sabuschko, die an Marek Edelman (1919–2009), einen Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto, erinnert. Im Jahre 1994 – es war der 51. Jahrestag der Revolte – sagte er harsch zu Journalisten,

sie würden über die Vergangenheit schreiben, anstatt über Bosnien zu sprechen – „Wir müssen diesen Krieg beenden, sonst verliert alles, wofür wir damals gekämpft haben, seinen Sinn“ (sic!). Findest du das nicht brillant formuliert? Ein Jahr vor Srebrenica spürte Edelman, der ein halbes Jahrhundert dem Gedenken an die polnischen Opfer des Holocaust gewidmet hatte, untrüglich, dass der neue Krieg bereits „seine Juden“ gewählt hatte – und das stellte für ihn den historischen Sieg der Ghettohelden in Frage.

...

Die Kulturen unterscheiden sich unter anderem in ihrer Art, die Zeit zu erleben, und in diesem Sinne ist Marek Edelmans Formulierung für mich die Essenz der europäischen Identität. 

Der französisch-algerische Schriftsteller Kamel Daoud stellt fest, dass unser Kontinent trotz aller Mängel und der kolonialen Vergangenheit weiterhin ein Modell für die Demokraten der „südlichen“ Länder darstellt.

Europa hat sich jahrhundertelang ausgedehnt. Durch Kolonialisierung und die Erfindung der Universalität. Heutzutage zieht es sich in Schuldzuweisungen und Entschuldigungen zurück. Es sind die „Barbaren“, die sich ihm aufdrängen, um es von seinen einst überlegenen Überzeugungen zu bekehren.

Was wird aus Europa? – Kontinent der Vermischung und der Gewalt

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Kommentare 3
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 10 Monaten

    Europa ein Swingerclub, darauf muß man erst mal kommen. Hin und wieder auch ein Fightclub. Aber immer ist was los. Ich muß noch die anderen Briefe lesen. Danke für die Anregung ….

  2. Dominik Lenné
    Dominik Lenné · vor 10 Monaten · bearbeitet vor 10 Monaten

    Europa wird zunehmend eine Marginalie der Weltgeschichte werden - ökonomisch, politisch, bevölkerungsmäßig, einflussmäßig. Darüber müssen wir uns ebenso klar sein wie die Amerikaner, dass der amerikanische Globus auch ein Verfallsdatum trägt.
    Dennoch oder gerade deswegen sollten wir uns der spezifischen Qualität des europäischen Denkens bewusster werden, das sich aus den Einflüssen der großen außereuropäischen Kulturen südlich und östlich des Mittelmeers heraus entwickelt hat, im griechischen Denken eine fast 2000jährige Kontinuität der experimentierenden Reflexion und des Diskurses entwickelte, einen philosophischen Mut und Kreativität des Denkens, die ihresgleichen sucht, im römischen Staats- und Rechtsempfinden eine Basis hat, die immer noch nachwirkt, das als erstes Großgebiet der Welt das Primat der physikalischen Realität über das Glaubenssystem über die experimentelle Methode erschloss, das ein System von Realitätsbeschreibung erfand, das alles Unnötige weglässt und die Grenze zum Unbeschreibbaren vermisst.
    Aber mit großen Idealen kommen auch große Widersprüche. Ideale sind welche, weil sie nötig sind - als Gegenpol zur oft unschönen Realität des Menschseins: Machtlust, Grausamkeit, Ungleichheit, Mitleidlosigkeit, Aggression, Antipathie, persistenter Konflikt.
    Was soll man machen?
    Auch von Rand her kann Europa der Welt vielleicht etwas sagen

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 10 Monaten

      Geschichte bleibt offen.

      In der Schule hörte ich den Lehrer sagen, dass der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus sowjetischer Prägung gesetzmäßig wäre.

      Auf der Uni redeten einige Profs. vom Ende der Geschichte, denn die liberale Demokratie gelte nicht nur für den Westen, sondern auch planetarisch.

      Danach kam die Marginalisierung Europas.

      Der Aufstieg Chinas und Asiens war nicht mehr aufhaltsam, so hieß es.

      Nun erscheinen wieder Artikel, die das bezweifeln, und Bücher dazu sind angekündigt.

      Ein Beispiel:
      "Wer aber werden die großen Fünf der derzeit sich herausbildenden neuen Weltordnung sein? Mit ziemlicher Sicherheit die USA und China auf derselben Ebene.

      Das heißt, wir sollten die Vorstellung schleunigst verabschieden, das amerikanische Zeitalter gehe zu Ende und ein chinesisches Zeitalter beginne. Es wird keine Staffelholzübergabe stattfinden, so wie einst von London nach Washington oder New York. Die USA und China werden sich die Position der ersten Macht teilen.

      Daneben, als Juniorpartner der Chinesen, vermutlich Russland. Nicht aufgrund seiner wirtschaftlichen Fähigkeiten, sondern aufgrund des Umstandes, dass Russland über mehr als 50 Prozent der weltweiten Atomwaffen verfügt. Und dazu auch über die erforderlichen Trägersysteme. Zudem aufgrund seiner geopolitischen Lage, der nordasiatischen Landbrücke.

      Auch die Europäer könnten dazugehören, als Juniorpartner der USA, angewiesen auf den amerikanischen Nuklearschirm oder auch selbstständig, wenn sie über eine eigene nukleare Komponente verfügen. Derlei ist im Augenblick aber nicht erkennbar. Es wird aber in der Tat eine spannende Frage sein: Werden die Europäer eine eigene nukleare Komponente aufbauen, um nicht mehr so „blank“ dazustehen, wenn andere, so wie jetzt Putin, die nukleare Eskalationsdominanz ins Spiel bringen? Oder werden sie es lassen? Gerade mit Blick auf eine weiterhin mögliche Präsidentschaft Donald Trumps oder eines Ron DeSantis und eine mögliche Abkopplung der USA von Europa ist diese Frage von anhaltender Brisanz.

      Und vor allem stellt sich die Frage, ob es den Europäern gelingt, von einem bloßen Regelbewirtschafter zu einem politisch handlungsfähigen geostrategischen Akteur zu werden?"

      Hier der ganze Artikel von Münkler:
      https://www.blaetter.d...

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