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Zeit und Geschichte

Unpiq: Wie Geschichte befragen? Am Beispiel von Chiles Sozialismus

Achim Engelberg
Dr. phil.
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Achim EngelbergSamstag, 30.09.2023
Geschichte verändert sich, kann und wird immer wieder anders gesehen, was man auch in den filmischen Darstellungen der chilenischen Revolution, die vor einem halben Jahrhundert blutig durch einen Militärputsch endete, beobachten und erkennen kann.


Bevor ich eine unproduktive Sicht vorstelle, die ich mit Gegenbeispielen widerlegen möchte, eine Rückblende:

Das 20. Jahrhundert begann am 18. März 1871 in Paris,

so der immer wieder beeindruckende Sebastian Haffner (1907–99) in seinem immer noch oder wieder lieferbaren Essay über die Pariser Kommune, der erstmals zum 100. Jahrestag 1971 erschien.

In den 72 Tagen der Pariser Kommune ging es zum ersten Mal um die Dinge, um die heute in aller Welt gerungen wird: Demokratie und Diktatur, Rätesystem oder Parlamentarismus, Sozialismus oder Wohlfahrtskapitalismus, Säkularisierung, Volksbewaffnung, sogar Frauenemanzipation - alles das stand in diesen Tagen plötzlich auf der Tagesordnung.

Sebastian Haffner war in seinem Leben über große Strecken ein konservativer Autor, aber einer, der die Historie in ihren Variationen, Möglichkeiten und Uneingelösten deutete.

Nicht so der Autor Thomas Schmid des unpiqs, der ehemaliger Herausgeber der "Welt"-Gruppe. In seinem Beitrag mutiert der ehemalige linke Autor, der zum Konservativen wurde, ohne das Niveau großer Konservativer wie eben Haffner auch nur ansatzweise zu erreichen. Für ihn ist alles klar:

Pinochet beendete ein gescheitertes Projekt. Die Gewaltsamkeit dieses Endes hat Allende und sein Projekt mit einer Gloriole umgeben, die zwar verständlich, aber dennoch unverdient ist.

So wird der von den USA unterstützte Militärputsch zu einem Akt der Ungeduld. Hätte man etwas gewartet, dann wäre Allendes Chile sowieso zusammengebrochen.

Mein unpiq zeigt eine heute verbreitete unproduktive Sicht und Haltung auf Geschichte und meint nie nur einen Einzelfall. Fälle wie Schmid bezeichnete der planetarische Klassiker Heiner Müller schon 1993 als "Spätheimkehrer in den Schoß des Kapitals".

Selbst in der weit links stehenden "analyse & kritik Zeitung für linke Debatte & Praxis" argumentiert der Soziologe und Journalist René Thannhäuser differenzierter als Schmid es Linken unterstellt. Sein Fazit:

Bis zu 4.000 Tote, 35.000 Gefolterte, fast 1.500 bis heute Vermisste und bis zu einer Million Exilant*innen fordert die Militär-Diktatur, die bis 1990 andauern wird. Die Unidad Popular ist vor allem für den Staatsstreich, der ihr gewaltsames Scheitern markiert, in Erinnerung geblieben. Doch genau so verdienen es ihre Erfolge erinnert zu werden. In den knapp 1.000 Tagen, die ihre Revolution andauerte, hat die chilenische Linke die Dialektik von Reform und Revolution so weit getrieben, wie es nie davor und nie danach geschah. Jedes ernsthafte Projekt sozialistischer Gesellschaftstransformationen muss sich dieser Erfahrung stellen und sich an ihr messen lassen.

Eine solche Blutspur wie in Chile (oder eben bei der Pariser Kommune) hinterließ die Konterrevolution nie, wenn nicht Zukunftsweisendes selbst im Scheitern zu erkennen war und ist.

In dieser Hinsicht bietet auch das neue, noch nicht ins Deutsche übersetzte Buch THE SUICIDE MUSEUM von Ariel Dorfman Erhellendes, das von seinem amerikanischen Kollegen Jonathan Dee eindrucksvoll im NEW YORKER vorgestellt wird:

Salvador Allendes Wahl 1970 zu einer sechsjährigen Amtszeit als Präsident Chiles - obwohl er nur etwa die Hälfte davon dienen konnte - war einer dieser seltenen Momente, die der Welt Grund zu der Annahme geben, dass es eine Alternative zu der räuberischen, gierigen Art und Weise geben könnte, wie wir immer die Dinge laufen lassen.

Wer sich diesen piq mit Texten von Dorfman und Allende nochmals ansieht, erkennt, dass der chilenische Versuch, der viel länger als die Pariser Kommune dauerte, im Sinne des eingangs zitierten Sebastian Haffners die Themen unseres 21. Jahrhundert setzte. 

Ob das 21. Jahrhundert zum selbst verschuldeten Untergang, zu einem neuen Sozialismus oder zu etwas Dritten führt, hängt vom Agieren der Mehrheit ab.

Unpiq: Wie Geschichte befragen? Am Beispiel von Chiles Sozialismus

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Kommentare 11
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 9 Monaten

    Danke, ich hatte ja auf diesen Artikel hingewiesen. Sehe aber nicht, wodurch er widerlegt wurde?

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 9 Monaten

      Ist nicht in der mittlerweile 51 Jahre alten Allende-Rede Zukunftsträchtiges? Wird im Beitrag im New Yorker über den neuen Dorfman nicht klar, dass in Chile etwas versucht wurde, das mehr als eine Illusion war? Aber auch von der Gegenseite: Übersah Kissinger, der den Putsch zumindest unterstützte (wenn nicht mehr), dass das gesellschaftliche Experiment nicht kurz vor dem Zusammenbruch war? Nur der Springer-Mann erkannte, dass alles ein kurz vor dem Zusammenbruch stehendes Kartenhaus war. Großartig, dass Heiner Müller solche Kümmerlinge als Spätheimkehrer aus dem Kalten Krieg charakterisierte.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 8 Monaten

      @Achim Engelberg Ich weiß nicht, was soll es heißen oder beweisen, das in der Rede etwas „Zukunftsträchtiges" war? Man kann natürlich streiten, ob das Chilenische Experiment mehr als eine Illusion war - ebenso wie die Oktoberrevolution, Cuba, Venezuela oder Nicaragua. Letztendlich sind all diese Experimente gescheitert. Die Annahmen haben sich als Illusion erweisen. Und Schmid gibt ja - nicht als einziger auch eine ganze Reihe von Gründen für das Scheitern an. Er ist da nicht allein. In der Literatur wird das breit diskutiert. Wenn man als Linker etwas über und aus der Geschichte lernen will muß man sich der Diskussion stellen. Wie oft muß also ein Experiment (mit meist ähnlichen Mustern) scheitern, bis man das Konzept als Illusion bezeichnen darf?

      Konkret in Chile, zeigte sich wieder, dass man den Sozialismus nicht (und schon gar nicht demokratisch) gegen eine Mehrheit im Volk einführen kann. Und bestimmt nicht so chaotisch mit einer (wie so oft) zerstrittenen linken Koalition.

      "Bei der Volkswahl am 5. September erreichte keiner der Kandidaten das notwendige absolute Mehr. Salvador Allende machte als Kandidat der Unidad Popular mit 36,3 Prozent der Stimmen das beste Resultat. Hinter ihm folgten der Rechtspolitiker Jorge Alessandri (34,9 Prozent) und der linke Christlichdemokrat Radimiro Tomic (27,8 Prozent). …

      Allende hatte versprochen, dass er den Sozialismus in Chile auf demokratischem Weg einführen werde. Man mag ihm zugutehalten, dass dies auch tatsächlich sein ehrlicher Wille war. Doch zwei Faktoren standen dem entgegen. Erstens erreichte er bei keiner nationalen Wahl auch nur annähernd die Unterstützung einer klaren Mehrheit der Chilenen. Seine Koalition kontrollierte nur ein Drittel der Sitze im Senat und zwei Fünftel der Sitze im Abgeordnetenhaus. Zweitens teilten einflussreiche Kreise aus Allendes Koalition seine Strategie des demokratischen Wandels zum Sozialismus nicht. Dieser war ihnen zu zögerlich. Dieser grundsätzliche Widerspruch innerhalb der Unidad Popular wird auch in der durchaus wohlwollenden Allende-Biografie des Historikers Victor Figueroa Clark von der London School of Economics bestätigt. …."

      Allendes "Massnahmen führten kurzfristig zu einem wirtschaftlichen Boom, mittelfristig aber zu einer schweren Wirtschaftskrise. Die Landreform bewirkte einen drastischen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, so dass Chile bald den Grossteil seiner Exporterlöse für den Import von Lebensmitteln aufwenden musste.
      Die Unternehmer, welche Verstaatlichung ihrer Betriebe befürchteten, hörten auf zu investieren und begannen ihre Erträge ins Ausland zu transferieren. Das Handelsbilanzdefizit vervielfachte sich."

      https://www.nzz.ch/int...

      Eine Inflation von fast 600 % und die politische Zuspitzung führte das Land in eine bürgerkriegsähnliche Situation. Die Regierung verlor die Kontrolle. Was natürlich den blutigen Putsch in keiner Weise rechtfertigt. Man kann doch jetzt nicht ernsthaft behaupten, der absehbare Zusammenbruch sei alles nur eine Erfindung des "Springer-Mannes". Und wenn es doch so war, dann nur wegen der CIA. Ein solches Narrativ taugt höchstens als Opium für die eigene Ideologie/Theorie. Aber man wird damit m.E. auch schnell selbst zum Geisterfahrer des kalten Krieges.

    3. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 8 Monaten · bearbeitet vor 8 Monaten

      @Thomas Wahl In den verlinkten Artikel von Thannhäuser wird doch das spezifisch neue der chilenischen Revolution gezeigt. Auch Allende erklärt es in seiner Rede.

      Außerdem gibt es doch hier nicht nur linke Stimmen. Der New Yorker ist mittlerweile so liberal geworden, dass es seit 2011 mit Jacobin ein dezidiert linkes Magazin gibt.

      Es geht mir - wie bei dem piq davor - um die Wiedergewinnung des geschichtlichen Denkens.
      https://www.piqd.de/us...

      Und deshalb begann ich mit dem weitgehend konservativen Sebastian Haffner, der sein letztes, vermächtnishaftes Buch mit Arnulf Baring schrieb.

      Aber der konnte noch geschichtlich denken.

      Es ist schwierig bis unmöglich zu diskutieren, wenn man die offensichtliche Aktualität des chilenischen Versuchs in unserer Vielfachkrise nicht erkennt.

      Und das erkannten doch erstaunlich viele; man höre die internationalen Stimmen im piq zu Chile:
      https://www.piqd.de/us...

      Und das sind doch nicht, was immer das sein soll, alles linke Geisterfahrer.

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 8 Monaten · bearbeitet vor 8 Monaten

      @Achim Engelberg Wenn man die Aktualität ohne die detaillierteren und die tieferen Gründe des Scheiterns diskutiert, dann ist das für mich kein historisches Denken sondern "Illusionismus". Und den hatten wir ja in der Geschichte oft genug. Nicht nur links natürlich. Aber wollen wir solche Experimente wie in Chile oder Venezuela wirklich wiederholen? Die Lehre ist doch - so jedenfalls nicht. Dazu müßte man eben wissen, was alles in der UP und ihrer Politik an unrealistischen Vorstellungen schief gelaufen ist. Immer wieder auf das eigentlich humanistische Ziel und den "von den USA unterstützten Militärputsch" zu verweisen, das reicht bei weitem nicht.

      Und das sieht man, meine ich, mehrheitlich in Chile auch so. Ohne aufzuhören über bessere Wege in die Zukunft nachzudenken.

    5. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 8 Monaten

      @Thomas Wahl Mögliche eigene Gründe des Scheitern diskutieren doch alle von mir empfohlenen Stimmen - bis auf den Welt-Herausgeber a. D.. Für den ist alles nur Illusion.

      Der reale Grund des Scheiterns war ein Militärputsch, dem weitere folgen sollten und die bis heute das Verhältnis zu den USA störten, zuweilen zerstörten - bis zum Krieg in und um die Ukraine.

    6. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 8 Monaten

      @Achim Engelberg Irgendwie lesen wir die Artikel sehr unterschiedlich. Sorry. Aber das ist für mich ein unglaubliches schwarz/weiß Weltbild. Und eine der linken Illusionen. Schuld am Scheitern ist immer der Kapitalismus, die USA, der Neoliberalismus. Niemals die eigene Hybris, die Selbstüberschätzung verschiedener Fraktionen des eigenen Lagers, die Fehleinschätzungen der Kräfteverhältnisse, die Unfähigkeit eine effektive Wirtschaft zu organisieren usw. usw.. Sieh nach Venezuela …..

    7. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor 8 Monaten

      @Thomas Wahl ...ja diese Fähigkeit zur Selbstkritik und zur agilen Anpassung statt zum Beharren - das könnten sich die Linken wirklich mal abschauen bei den "Kapitalisten" und Konservativen (not!).

    8. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 8 Monaten

      @Marcus von Jordan Wer gibt dem Neoliberalismus die Schuld für den Putsch in Chile? Dessen Aufstieg als politische Kraft begann doch erst nach 1973?

      Momentan sind doch die "Konservativen" anpassungsunfähig. Oder wo seht Ihr die bei Merz hierzulande? Oder auf europäische Ebene? Wer von dieser Liste ist es?
      https://de.wikipedia.o...

      Oder die Konservativen in den USA...

      Kennt Ihr auf publizistischen Feld einen Konservativen vom Rang des oben genannten Sebastian Haffner?

      Vielleicht passt noch am ehesten Michel Houellebecq, aber der ist mehr Provokateur.

    9. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 8 Monaten

      @Achim Engelberg Wer legt denn den Rang fest? Und wie hoch war der Rang Haffners zu seiner Lebenszeit?

      Wie wäre es heute mit Roger Scruton? Christopher Clark, Kershaw, sind das Konservative? Wann ist jemand eindeutig konservativ? Das ist ja kein definierter Begriff?

    10. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 8 Monaten

      @Thomas Wahl Haffner war als einer der ganz wenigen Publizisten bei vielen Fachhistorikern anerkannt, weshalb auch ein solcher, nämlich Baring, sein letztes Buch mit ihm schrieb.

      Christopher Clark oder Kershaw werden weder in England noch anderswo als Konservative bezeichnet, noch sehen sie sich als solche.

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