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Pop und Kultur

#allesdichtmachen #niewiederaufmachen #lockdownfürimmer

Tino Hanekamp
Autor

Tino Hanekamp war Journalist und Musikjournalist, hat in Hamburg zwei Musikclubs gegründet (Weltbühne, Uebel & Gefährlich), einen Roman geschrieben (‚So was von da‘) und unlängst ein Buch über Nick Cave ('... über Nick Cave'). Er lebt im Süden Mexikos.

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Tino HanekampFreitag, 23.04.2021

Heißt es nicht schon seit spätestens der Neunziger, "Irony is over", und das aus vielen guten Gründen? Oder, wie groß muss die Verzweiflung eigentlich sein, dass Ironie als Ausweg erscheint?

Bin gerade ganz geplättet. Habe einen dieser Oh-mein-Gott-ist-das-deutsch-Momente, die selten sind, weil ich seit sechs Jahren in der südmexikanischen Pampa lebe. Weswegen ich keine Ahnung habe, wie es ist, gerade in Deutschland zu leben, in Zeiten der Pandemie. Obwohl ich immer wieder versuche, es mir vorzustellen, aber es ist halt nur ein Versuch — ich weiß es nicht, und das weiß ich.

Es ist offenbar richtig schlimm. So schlimm, dass 51 aus Kino und Fernsehen bekannte Schauspielerinnern und Schauspieler auf Initiative einer Münchner Firma namens Wunder Am Werk GmbH in ihren Häusern und Wohnungen einminütige Videos aufgenommen haben, in denen sie sehr schauspielerisch vor irgendwie hygge-heimischen Hintergründen extrem ironisch über die deutschen Corona-Maßnahmen reden. So in der Art: Ich habe alle meine Kontakte gelöscht, aus Sicherheitsgründen. Meine Kinder kriegen eins mit dem Gummiknüppel auf den Kopf, wenn der Inzidenzwert zu hoch ist. Ich bewahre meine Meinungsfreiheit, indem ich mich von meiner Meinung befreie — alle Macht dem deutschen Staat!

Und das sind allesamt hervorragende Schauspielerinnen und Schauspieler und garantiert sehr intelligente Menschen — Volker Bruch, Meret Becker, Wotan Wilke Möhring, Ulrike Folkerts, Nadja Uhl, Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur usw. Und die affirmieren da in einer knallharten Ironie (also so was von nicht) die deutschen Corona-Maßnahmen, dass es schon keine Ironie mehr ist. Eher Zynismus. Jeder dieser Clips ist dermaßen frustriert und giftig — eine einzige Zersetzung. Uebermediens Stefan Niggemeier nennt es den »größten Erfolg der Querdenkerszene bisher«. H.-G. Maaßen freut sich. Die AfD auch. Und unter den bereits zehntausendfach geschauten YouTube-Clips (das ist alles gerade erst online gegangen) geht der Daumen zu neunzig Prozent nach oben, und die Homepage allesdichtmachen.de bricht ständig zusammen.

Aus der Ferne betrachtet wirkt das wahnsinnig deutsch.

Ich meine, warum denn die Ironie?

Damit es „Kunst“ ist, wie die Initiatoren sagen?

Braucht man das als Deckmantel oder Notausgang?

Was soll denn die Giftigkeit? Sagt doch einfach, was ihr denkt!

Aus der Ferne betrachtet entsteht folgender Eindruck: Ein Land und all seine Bewohner leiden unter dieser Pandemie und den von der Politik beschlossenen Maßnahmen, sie einzudämmen. Und 51 Schauspielerinnen und Schauspieler drücken den Stachel genau da rein, wo es weh tut. Nur sagen sie dabei nicht, was sie denken, sondern das Gegenteil — Ironie. Der Stachel ist vergiftet. Warum?

Habe ich so in der Art noch nirgendwo gesehen.

Und es ist sicher sehr deutsch, darin etwas spezifisch Deutsches zu sehen.

Auf jeden Fall ist das alles erstaunlich, und ich freue mich schon auf die piqs, die sich mit diesem Thema beschäftigen werden.

#allesdichtmachen #niewiederaufmachen #lockdownfürimmer

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Kommentare 69
  1. Maximilian Rosch
    Maximilian Rosch · vor 3 Jahren

    Auch keine neue Sicht, aber man hätte die Zeit und Reichweite ja auch verwenden können um konstruktive Vorschläge zu machen, um Positivbeispiele hervorzuheben und Menschen wertzuschätzen, die mit Einsatz und Problemlöserqualitäten vorangehen. Und natürlich auch um berechtigte Kritik anzubringen. Gut gemacht wär das vermutlich nicht der Twittertrend für zwei Tage geworden, aber sicher auch wirkungsvoll.

    1. Maximilian Rosch
      Maximilian Rosch · vor 3 Jahren

      Ich schließe mich dem Vorschlag von Theresa Bäuerlein an: "#allesdichtmachen? Reden wir lieber über Schwarze Löcher" https://www.piqd.de/se...

  2. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 3 Jahren

    Vielleicht erklärt das einiges. Menschen nehmen die Gesellschaft unterschiedlich wahr und haben unterschiedliche Erwartungen an die Darstellung durch Medien und Mitbürger. Das ist erstmal normal. Man sollte es nicht moralisch aufladen.

    "WELT: Frau Post, Sie haben die Corona-Debatte in Deutschland im ersten Lockdown erforscht, Ihre Studie wurde gerade publiziert. Ist es in Deutschland gelungen, die Probleme der Pandemie offen zu diskutieren?

    Senja Post: Bis zum Zeitpunkt unserer Untersuchung ist das nicht gut gelungen. Es kamen nur wenige Akteure zu Wort. Deshalb verlief der Diskurs von Beginn an enorm homogen. Hinzu kam, dass Politiker und Medien daran beteiligt waren, Gewissheitsillusionen aufzubauen – zum Beispiel, indem sie jeden Tag die scheinbar objektiven, scheinbar für sich sprechenden Fallzahlen der Corona-Infizierten berichteten.

    WELT: Sie haben gut 1500 repräsentativ ausgewählte Menschen in Deutschland im ersten Lockdown 2020 dazu befragt, wie sie die öffentliche Kommunikation wahrgenommen haben und was sie von Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern erwarteten. Was haben Sie herausgefunden?

    Post: Wir wollten ermitteln, inwiefern Menschen verschiedene Sichtweisen haben und was die Unterschiede erklärt. Wir haben herausgefunden, dass die weitaus meisten Leute sich von den Medien eine eindeutige Berichterstattung über die Corona-Pandemie wünschten – sie wollten, dass Journalisten sich auf definitive Fakten stützen und nur Experten zu Wort kommen lassen, die sichere Aussagen machen können.

    WELT: Gewünscht wurde Berichterstattung, die Gewissheiten signalisiert?

    Post: In der Tat. Nur eine Minderheit wollte, dass Journalisten Wissenschaft und Politik kritisch hinterfragen.

    WELT: Warum war das so?

    Post: Eindeutige Berichterstattung wünschten sich vor allem solche Menschen, die ein Bedürfnis nach Verlässlichkeit hatten. Diese Leute wünschten auch, dass Virologen die Politik dominieren, deren Wissenschaftlichkeit Vertrauen hervorrief. Das wollten auch Menschen, welche die Vorstellung hatten, wissenschaftliches Wissen wäre gewiss und unveränderlich. Eine kritischere Berichterstattung hingegen erwarteten eher solche, die sich auf der Basis einer größeren Bandbreite von Einschätzungen ein eigenes Urteil bilden wollten. Sie wünschten sich von Journalisten, Politiker und Wissenschaftler kritisch zu hinterfragen.

    WELT: Waren die Deutschen mit der einheitlichen Corona-Berichterstattung der Medien im ersten Lockdown denn unzufrieden?

    Post: Menschen mit einem Bedürfnis nach eindeutigen Informationen zeigten sich eher zufrieden mit der öffentlichen Kommunikation durch Politiker, Medien und Wissenschaftler im ersten Lockdown. Die andere Gruppe war eher unzufrieden.

    WELT: Ist Angleichung der Medien ein typisches Phänomen während gesellschaftlicher Krisen?

    Post: Ja, für Krisen ist es typisch, dass sich die Berichterstattung verschiedener Medien stark angleicht. In ungewissen Situation neigen Journalisten dazu, ihre Urteile und Interpretationen stark aneinander zu orientieren und anzugleichen. Hier spielen sozialpsychologische Prozesse bei der Bewältigung von Ungewissheit eine Rolle. Vielleicht versuchten einige Medien auch, den Wunsch nach eindeutiger Orientierung in der Bevölkerung zu bedienen."

    https://www.welt.de/wi...

    1. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor 3 Jahren

      spannnend.
      ...und krass, dass gerade die aggressivste und lauteste Kritik daran noch einfachere Wahrheiten propagiert.

  3. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 3 Jahren · bearbeitet vor 3 Jahren

    Die Kritik dreht hohl...
    Dass ist langweiliger, meist zynischer Videosalat, aber doch kein Atommüll! Die Reaktion von diesem WDR Rundfunkrat jedenfalls scheint mir schlimmblöder, als der Anlass.
    https://www.berliner-z...

  4. Jan Paersch
    Jan Paersch · vor 3 Jahren

    Welch unfassbare Blödheit. Dass das sehr deutsch unlustig ist, ist das Eine. Das Andere: was sagt das über den Zustand unserer Gesellschaft aus, wenn schon privilegierte, eigentlich reflektierte Menschen, die größtenteils auch ManagerInnen und PartnerInnen haben, die sie beraten, so etwas verzapfen? Hat wirklich keiner von denen Bekannte, die schwer erkrankt sind? Ich könnte so viel schreiben, halte es aber mit Tobi Schlegl, der als Rettungssanitäter wirklich weiß, wovon er spricht: Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben.

  5. Richard Oehmann
    Richard Oehmann · vor 3 Jahren · bearbeitet vor 3 Jahren

    Mehrere ironische Vorträge, die vielleicht im Einzelnen noch berechtigte Kritik beinhalten, ergeben in der Gesamtaussage ein schlimmes Konzentrat: "Masken, Testen, Inzidenzzahlen, Wissenschaft, Solidarisches Denken, ja, der Schutz von Leben sind insgesamt einfach Quatsch." So lautet insgesamt die Botschaft. Sehr, sehr schlecht durchdachte und zudem nicht mal witzig dargebotene Satire.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      Hm, Vorträge, die im einzelnen vielleicht noch berechtigte Kritik üben, ergeben in der Gesamtaussage ein schlimmes Konzentrat? Das rüttelt aber an den Grundfesten der (Mehrheits-)Demokratie. Und wer vertritt diese Meinung: "Masken, Testen, Inzidenzzahlen, Wissenschaft, Solidarisches Denken, ja, der Schutz von Leben sind insgesamt einfach Quatsch." Habe ich so nicht raus gehört.

    2. Richard Oehmann
      Richard Oehmann · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Ich schon, eben, wenn man mehrere oder gar alle Videos hintereinanderschaut. Viele Beiträge sind allerdings schon einzeln gruselig. Der Nebensatz, der übrigens ein zages "vielleicht" enthält, war das letzte Aufbäumen meines Wohlwollens, weil ich bei den meisten Beteiligten kein ganz blödes Querdenkertum vermute. Ich kann mir also vorstellen, dass sie jeweils ihr kurzes Video gemacht haben, aber kein Gefühl für die Gesamtwirkung hatten. Ein paar haben ihr Video bereits zurückgezogen, offenbar haben sie es inzwischen selbst rausgehört. Wenn nun Konsequenzen bei der Besetzung in künftigen Produktionen gefordert werden, ist das natürlich sehr autoritär gedacht und ebenfalls nicht sehr schlau. Aber so viel Meinungsfreiheit müssen die Beteiligten nun eben auch aushalten, wenn viele die Aktion jetzt unbedacht bis ekelhaft finden.

    3. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor 3 Jahren

      @Richard Oehmann ...ich finde das nicht "autoritär", sondern totalitär und deshalb mit "nicht sehr schlau" sozusagen unterempört.
      Scheinbar hat er sich aber selber von seinem Tweet distanziert inzwischen...Wahnsinn mal wieder, wie der Durchlauferhitzer social media immer wieder funktioniert, als ob er neu wäre. Vielleicht sollten wie weniger über die Vermittlung von Medienkompetenz bei Kindern nachdenken.

      piqd hilft :)

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      @Richard Oehmann Es liegt natürlich immer im Auge des Betrachters, ob er etwas gruselig, richtig oder falsch findet. Jeder darf auch moralisch urteilen über andere. Er sollte aber wissen, dass er genau so falsch liegen könnte, wie die von ihm Verurteilten. Und in einer Demokratie gehört es nun mal dazu , dass sehr viele dagegen und andere dafür sind, während andere über diesen Streit nur noch den Kopf schütteln. Ich finde jedenfalls die Reaktion auf die Filmchen mindest ebenso daneben, wie Sie wohl die Filmchen selber. Und die Kritiker der Filmchen haben wohl auch nicht über die Gesamtwirkung ihrer moralischen Überreaktion nachgedacht.

    5. Richard Oehmann
      Richard Oehmann · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Gut, Marcus, das war womöglich unterempört, was diese eine Forderung betrifft. Das war tatsächlich eine Reaktion, die man mit Thomas Wahl "genauso daneben" finden kann. Die Allesdichtmachen-Aktion hat sich aber die etwas lautere Empörung wohl verdient, weil es sich nicht um den schnellen Tweet eines Einzelnen handelt, sondern eine sorgfältig vorbereitete Kampagne. Ich meine jetzt weniger die Darbietenden, denen ich gerne unterstelle, dass sie den Gesamteindruck nicht geahnt haben - einige hören sich in ihren nachgeschobenen Verlautbarungen zumindest so an. Aber den Initiatoren dürfte in der Vorbereitungszeit durchaus mal der Gedanke gekommen sein, dass alle rechtsradikalen Ungustl applaudieren werden. Applaus von der falschen Seite hätte man bei so einer detailreichen Satire leicht verhindern können. Offensichtlich war es für die Macher aber einfach nicht falsche Seite.

    6. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren · bearbeitet vor 3 Jahren

      @Richard Oehmann Ich möchte noch mal sagen, warum ich das Argument, die extremen Rechten oder auch die Links könnten applaudieren, für falsch halte, ja für gefährlich.

      Wenn ich also begründet zu dem Schluß komme, etwas sei kritikwürdig, dann darf ich das demnach eigentlich nicht sagen, ja möglichst nicht denken, wenn eben die Falschen auch Elemente davon in ihren Argumentationen verwenden. Damit würde ich dann die Argumente denen überlassen, die ich eigentlich politisch bekämpfe. Wehe, der Zusammenhang stellt sich als auch nur halbwegs richtig heraus. Das nennt man dann wohl einen Pyrrhussieg? Oder ich unterdrücke die Tatsache, dass es dort berechtigte Kritik gibt, verbanne das aus meinem Denken und halte das als Gruppe eisern durch. Es wird nicht lange dauern und man mutiert zur Sekte. Der SED-Führung ist das übrigens auch passiert. Jede Kritik am System wurde abgewehrt mit der Begründung, dass die Argumentation aus dem Westen kommt und dort Beifall findet. Also nicht wahr sein könne. Blieb man bei seiner Kritik, endete dass i.d.R. übel. Man bekam den Druck des Systems zu spüren und selbst Freunde distanzierten sich. So das viele umfielen und sich von ihrem Denken distanzierten, Asche aufs Haupt streuten. Insofern erinnert mich einiges an dem Prozedere mit dem Shitstorm und dem Bedauern über das eigene Video etwas an totalitäre Strukturen, die ich eigentlich nicht wieder haben möchte.
      Der Witz an der Sache war dann, dass die Parteiführung den Mist zum Schluß selber geglaubt hat, dass nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Merke, wenn die Moralvorstellungen die Erkenntnisprozesse bestimmen, dann geht es schief.
      ——————————
      FRAGE an E. Honecker:
      „ Und wurden sie nicht wenigstens vom Ministerium für Staatssicherheit informiert, wie die Leute wirklich dachten?

      Ich möchte sagen, dass ich fast alle Informationen des MfS gelesen habe, auch hinsichtlich der ökonomischen Entwicklung, der sozialen Entwicklung, bis hin zur Kohlenhaldenentwicklung. Die Berichte vom MfS, soweit sie nicht unter Geheimhaltung standen und auch nicht nur mir zugänglich waren, vor allem, wenn es die westliche Seite betraf, erschienen mir immer wie eine Zusammenfassung der Veröffentlichungen der westlichen Presse über die DDR. Das sage ich hier in aller Offenheit. Ich selbst habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte. So zuverlässig waren die Informationen des MFS für die Partei und Staatsführung der DDR überhaupt nicht. Und wenn man sich die Berichte bis zum Sommer des vorigen Jahres ansieht hat sich an ihrem Charakter diesbezüglich nichts geändert.„

      Reinhold Andert, Wolfgang Herzberg: Der Sturz - Erich Honecker im Kreuzverhör; Aufbau Verlag 1990, S. 312

    7. Cornelia Gliem
      Cornelia Gliem · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl hier übertreiben Sie gerade wieder. Die mögliche Wirkung einzubeziehen wäre demnach "DDR"? na na. .

    8. Richard Oehmann
      Richard Oehmann · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Frau Gliem hat es hier bereits alles bestens zusammengefasst. Lieber Herr Wahl, Die Kampagne wird auch, aber nicht allein deswegen kritisiert, weil sie Applaus von rechts bekommt, sondern vor allem, weil sie empathielos, dümmlich und - besonders peinlich in dieser Berufssparte - vollständig unwitzig ist. Meistens wird sowieso zugestanden, dass viele Beteiligte keine Rechtsextremen oder Corona-Leugner sind. (Die Initiatoren sind offenbar mindestens eines davon.) Kritik an der Kampagne ist keine Eindämmung der Kunstfreiheit, zeigt überdies auch keine Unfähigkeit zum Verstehen von Satire, wie es Herr Tukur in der NZZ hat verlauten lassen. Es war eben einfach sehr miese Satire. Interessant finde ich nun, dass wegen der Kritik nun von der SED die Rede ist. Ist das schon DDR-Verharmlosung, Streuwissen oder Freude am Themawechsel? Ich wage zu behaupten, dass das genervte Aufstöhnen über ein Rudel Sympathieträger, die offenbar nicht für ein Fünferl nachgedacht haben, kein gewaltiger Schritt in Richtung nächster Mauerbau ist. Aber Schaumamal.

    9. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren · bearbeitet vor 3 Jahren

      @Richard Oehmann Ich habe dass nicht direkt mit der DDR oder dem Mauerbau verglichen. Was mich erschreckt ist allerdings schon, wie sich die ablaufenden Mechanismen und die Argumentationslinien gleichen. Und das obwohl wir natürlich keine Diktatur haben und die empörte Menge keine wirklich reale Macht besitzt. Trotzdem fallen die beteiligten Schauspieler aus dem kleinen Rudel reihenweise um. Es reicht wohl schon die Meinungsübermacht (Canetti hätte es vielleicht "Meinungsmasse" genannt?) mit Schaum vorm Mund (Wörter wie dümmlich, vollständig unwitzig, empathielos), für den der Ausdruck "genervtes Aufstöhnen" m.E. ein Euphemismus ist. Was wird das hier so streng urteilende große Rudel erst tun, wenn es richtige Macht hätte? Vielleicht doch Berufsverbote?

      Ich habe weiter gesagt, wer Denkverbote setzt um nicht die andere Seite zu stärken, von dort keinen Applaus zu bekommen, der wird u.U. enden wie die Parteiführung der SED (und andere, die ihre Meinung absolut setzen). Weil er irgendwann nur noch seine Schemata denkt, denken kann und sieht und die Welt nicht mehr erkennt. Das ist was ziemlich anderes. Aber vielleicht muß man das erst erlebt haben, um es zu verstehen.

      Ansonsten, wenn es hier eigentlich um Kunstkritik geht, dann soll natürlich jeder seine Meinung zur künstlerischen Qualität haben. Über Kunst kann man ja bekanntlich nicht streiten. Was dem einen dümmlich und emphatielos erscheint, gefällt dem anderen besonders gut und rührt ihn gerade. Gute Nacht.

    10. Richard Oehmann
      Richard Oehmann · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Jaja, die Schemata. Diesbezüglich wäre noch die Frage, was denn hier die Meinunsübermacht ist, wenn eine so große Zahl Prominenter sich meldet und dafür von sehr vielen auch bejubelt wird. Und ist nicht die Aussage, manche Beteiligten würden reihenweise wegen der Meinungsübermacht "umfallen" (Oder wie es das Minderheiten-Medium BILD formuliert: "Einige Stars geben dem Druck nach"), ein bisschen zu sportlich? Das wär ja schon auch anstrengend, wenn das angeblich so kleine Rudel der Applaudierenden "richtig Macht" bekäme, und man müsste jeden Unfug, den man hinschludert, ewig aufrecht erhalten. Droht dann auch Berufsverbot? Wenn Heike Makatsch ihr Video zurückzieht oder Meret Becker einlenkt, muss man nicht Feigheit unterstellen, sondern kann auch respektieren, dass sie einen Irrtum eingestehen. Wer gegen Denkverbote ist, sollte auch gegen Umdenkverbote sein.

    11. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      @Richard Oehmann Also jetzt ist es nicht mehr ein Rudel sondern eine große Zahl Prominenter. Na gut.

      Sicher kann auch ein ehrliches Umdenken sein. Nichts ist unmöglich auch in sehr kurzer Zeit und ohne wirkliche Diskussion. Ich hab in meinem Leben nun schon einige solche Situationen des "Umdenkens" unter Druck erlebt. Sogar selbst. Auch mit anderen Betroffenen geredet. Mein Glaube an ein wirkliches Einsehen ist daher begrenzt.. Lern mich einer die Menschen kennen.

      Aber gegen ein Umdenkverbot würde ich kämpfen. Sofort.

    12. Richard Oehmann
    13. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren · bearbeitet vor 3 Jahren

      @Richard Oehmann Ja, irgendwie muß da ja eine Verschwörung dahinter stecken. Antidemokratisch natürlich. Es kann einfach nicht sein, dass etwas mehr oder weniger spontan geschieht. So raunen jedenfalls einige Medien. Man kann es so erzählen oder auch anders. Schuld ist allesdichtmachen, die Kritik ist richtig oder auch umgedreht. Geht es nicht etwas differenzierter?

    14. Richard Oehmann
      Richard Oehmann · vor 3 Jahren · bearbeitet vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Die Forderung nach Differenziertheit kommt ein bisschen komisch, wenn zuvor doch recht hurtig von der SED die Rede war. Ich hab den Artikel aber deswegen gepostet, weil sich offenbar auch andere die Frage stellen, was denn sonst die Motivation gewesen sein könnte, wenn nicht eine grundsätzliche Verspottung von Vorsorge, Masken, Kontaktvermeidung, Hygineempfehlungen etc.. Verschiedentlich wird es noch als Aufschrei der Künstler verstanden, die beruflich unter der Situation leiden. Diese Lesart ist aber durch die Videos nicht gerechtfertigt, es geht darin zumeist um das Private im Lockdown. Eine Satire-Aktion mit mehreren Filmen, die jeweils mit einem ironischen Satz im Sinne von "Unterstützen Sie die Maßnahmen" abschließen, kann ich bis jetzt nicht anders lesen als Verächtlichmachung jeglicher Maßnahmen, jeglicher Vorsorge, jeglicher medizinischer Empfehlung. Je mehr der Videos man sieht, desto mehr verstärkt sich dieser Eindruck. Man würde sich ja sogar wünschen, dass ein vernünftiger oder interessanter Gedanke dahinter steckt, der einfach nur ungeschickt geäußert wurde. Aber sehr holprig und spontan wirken die Filme wirklich nicht, und Herr Liefers und schon gar nicht Herr Brüggemann helfen mit ihren Erklärungen in den diversen Shows (Talk-Show-Einladen - Ein Nebeneffekt der cancel culture?) wirklich weiter. So würd ich mal abschließend behaupten: Die Einordnung jeglicher Kritik als Denkverbot ist womöglich schon deshalb unpassend, weil ein Denken bei allesdichtmachen bisher ja noch nicht gefunden wurde.

    15. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      @Richard Oehmann Also, wenn man in den Filmchen nichts anderes mehr sehen kann als „eine grundsätzliche Verspottung von Vorsorge, Masken, Kontaktvermeidung, Hygineempfehlungen etc.“ dann lohnt es nicht weiter zu diskutieren. Dann hat die Falle der Selbstimmunisierung schon zugeschlagen.

      Ich habe sie mir auch alle reingezogen, jedenfalls die die noch da waren. Teilweise Verspottend, teilweise Angst, teilweise Nachdenklichkeit, immer etwas ironisch. Künstlerisch vielleicht nicht immer gelungen. Aber daraus jetzt eine Art Verschwörung zu machen? Gehts nicht ne Nummer kleiner .....

    16. Richard Oehmann
      Richard Oehmann · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Der Satz "Geht's nicht ne Nummer kleiner?" kommt ja häufig, kam ja auch so ähnlich zu Ihrer SED-These. Ich hab selbst gar nicht von Verschwörung geschrieben. Die Reihe ist übrigens nicht teilweise ironisch, sondern vollständig ironisch, was es, eben wegen der unklaren bis zweifelhaften Zielsetzung, so bedenklich macht. Da wüsste man gerne mehr. Immerhin wundern kann man sich durchaus, dass ein Projekt mit so vielen Köpfen zumindest sehr missverständlich gerät. Aber für das Wundern gilt ja vielleicht auch der Satz von Ihnen: "Vielleicht muß man das erst erlebt haben, um es zu verstehen." Tschüs.

    17. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      @Richard Oehmann Kommunikation hat immer das Problem mißverständlich zu geraten, zu sein. Gelungene Kommunikation ist eigentlich die Ausnahme. Die Zahl der Köpfe ist da m.E. nicht entscheidend. Wir sehen es ja an uns zwei, wie schwierig es ist, rüber zubekommen was man meint. Eigentlich hilft nur, es immer wieder zu versuchen ....

    18. Cornelia Gliem
      Cornelia Gliem · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl leider doch.

    19. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren · bearbeitet vor 3 Jahren

      @Cornelia Gliem Nein, es ist nicht "DDR". Ich denke, dass was dem Honecker&Co. passiert ist, passiert allen "sektenartigen" Organisationen, die Erkenntnis ihrer Ideologie stark unterordnen - mehr oder weniger. 😏

      Oder umgedreht, wer sich vor Erkenntnis abschottet, um sein Weltbild zu schützen wird zur Sekte ......

    20. Christoph Zensen
      Christoph Zensen · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Unter Sekte, DDR und Stalinismus machst du es nicht, oder?

      ... Es sei denn du forderst gerade eine Beruhigung in der Debatte und diskursives Abrüsten🤦

    21. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      @Christoph Zensen Ich finde über Mechanismen und Erfahrungen in unseren Gesellschaften diskutieren ist ein Beitrag zur Beruhigung. Jedenfalls beruhigender als sich gegenseitig als Nazi oder Volksverräter zu beschimpfen. Und wie wollen wir denn sonst aus der Geschichte lernen?

    22. Christoph Zensen
      Christoph Zensen · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Ich versuche es noch einmal deutlicher zu machen:
      Du machst häufig sehr heftige Vergleiche mit DDR, Diktaturen, etc. Das beißt sich doch mit deinem Appell für diskursive Abrüstung. Und mehr noch habe ich dich als großen Moralisten gegen Doppelmoral kennengelernt. Das heißt doch, dass es dich selbst auch sehr stören müsste.

    23. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      @Christoph Zensen Nun ja, die DDR habe ich erlebt. Und das Lernen aus dem Handeln in einem sich links gebenden Land halte ich nicht für Aufrüstung. Wozu soll denn dass ganze Schlamassel sonst gut gewesen sein, wenn man nicht mal die Erfahrungen mitnimmt? Heftige Vergleiche mit dem Nationalsozialismus sind ja durchaus häufig und werden mit großer Heftigkeit angebracht. Die andere Seite der Medaille/Gefahr wird einem zum Vorwurf gemacht. Lauert da nicht Doppelmoral?

    24. Silke Jäger
      Silke Jäger · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Ich habe im Nachgang zu diesem Ereignis mehrere Phasen durch. Die Diskussionen haben aber jetzt einen Punkt erreicht, an dem Godwins Gesetz greift https://de.wikipedia.o...
      Deshalb wollte ich dazu eigentlich nichts mehr sagen. (Das Wort "eigentlich" ist in diesem Satz das Problem ...).

    25. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      @Silke Jäger Das mit Godwins Law stimmt sicher. Wobei es mir nicht um Vergleiche oder gar Gleichsetzung geht, sondern um Lernen aus der Geschichte. Wer nur die Hälfte der Erfahrungen mitnimmt, liegt schief ..... Jedenfalls hab ich in jüngster Zeit bei der Diskussionskultur einige déjà vu Gefühle.

  6. Dirk Liesemer
    Dirk Liesemer · vor 3 Jahren

    Hach ja, typisch deutsch sind irgendwie auch die Reaktionen.

    1. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 3 Jahren

      Nachtrag: Ich finde, Michael Hanfeld trifft es insgesamt ziemlich gut https://www.faz.net/ak...

    2. Silke Jäger
      Silke Jäger · vor 3 Jahren · bearbeitet vor 3 Jahren

      @Dirk Liesemer Zur Aktion selbst kann und will ich nicht so viel sagen, da geht's in meinem Kopf zu sehr Hin und Her. Aber was sich an der Diskussion wieder sehr schön zeigt: Dogmatismus. Die moderne Form: In Hashtags denken. Mein Reflex ist dann meistens: Kaffee trinken und warten, bis der Sturm vorbei ist. (Ist manchmal aber auch falsch, weil: "Was soll das heißen, du schweigst?")

    3. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 3 Jahren

      @Silke Jäger Ja, und es wird auch gleich besinnungslos mit der rhetorischen Bazooka um sich geballert.

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      @Dirk Liesemer Ja, find ich auch. Eigentlich nicht wirklich ein Aufreger .....

    5. Silke Jäger
      Silke Jäger · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Das würde ich nun wiederum nicht sagen. Ich finde sehr vieles an dieser Aktion zum Aufregen. Aber auch vieles an den Reaktionen.

    6. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      @Silke Jäger Ok, so kann man das auch sehen. Ich finde nur, wir regen uns zu schnell, zu viel auf. 🤔

    7. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 3 Jahren

      @Thomas Wahl Michael Angele schreibt im "Freitag", dass manche Kritiker sich künstlerische Aktionen nur noch als aktivistische Veranstaltungen vorstellen können. Ich glaube, damit benennt er in der Tat ein tieferes Problem https://www.freitag.de...

    8. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Jahren

      @Dirk Liesemer So klar hätte ich das nicht schreiben können. Danke.

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