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Literatur

Der Cockpit-Effekt

Der Cockpit-Effekt

Jochen Schmidt
Schriftsteller und Übersetzer
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Jochen SchmidtSamstag, 16.04.2016

Ich hatte mal eine Szenenbildnerin in meiner Wohnung zu Besuch, die für einen Film über einen Schriftsteller recherchierte, der im Hinterhof in einer Einraumwohnung wohnte und sich irgendwann aus dem Fenster stürzte. Ich habe den Film nie gesehen, aber es hat mir Spaß gemacht, wie neugierig sie das Strandgut meines Lebens betrachtete, zwischen dem ich kaum noch Platz fand. Was sah sie bei mir, was für mich unsichtbar war, weil ich es nicht anders kannte? Was an meinem Geschmack für Dinge war für einen Wohnungskenner klassifizierbar und nicht mehr individuell, wie ich mir einbildete? Das wäre eigentlich auch ein Traumberuf für mich gewesen, Wohnungen zu studieren, man betritt ja von den Hunderttausenden, die es in der Stadt gibt, in vielen Jahren nur ein paar Dutzend. Auf Reisen ins Ausland wünsche ich mir immer ein Sightseeing-Angebot, bei dem man an einem Tag durch zehn Privatwohnungen spaziert, möglichst während die Bewohner anwesend sind. Deshalb ist der Bildband "Tokyo: a certain style" (Text und Fotos von Kyoichi Tsuzuki) so großartig für mich, weil ich Tokyo "von innen" sehe, nicht das Japan von Technologie, Postmoderne oder Wabi und Sabi, sondern winzige Wohnhöhlen, die meisten davon bis unter die Decke mit Dingen vollgestopft wie bei einem gierigen Eichhörnchen, oft dient die Fläche des Fernsehers als Ehrenplatz (was ersetzt diesen nach dem Siegeszug der Flachbildschirme?) Raum ist hier offenbar eine unbezahlbare Ressource. Die Wohnungen haben in der Regel nur ein Zimmer, vielleicht eine Küche oder Küchenecke, manchmal ein Bad, die Waschmaschine steht unter Umständen auf dem Balkon oder bei einer Parterrewohnung gleich draußen auf der Straße. Man kann den Platz, den man braucht, reduzieren (eine ausgerollte Matte reicht ja zum Schlafen) und seine Nachbarschaft als verlängerte Wohnung nutzen. Mir sagen diese engen Räume eigentlich zu, man spürt den beglückenden "Cockpit effect", alles in Griffweite zu haben. Schön ist die natürliche Zufälligkeit in der Anordnung der Dinge, die die Bewohner durch ihr Leben erzeugen (und die Szenenbildner schwer simulieren können, wie man an den meisten Filmen sieht, die in der DDR spielen sollen). In den Begleittexten werden die Fotos analysiert und die Bewohnertypen klassifiziert. Z.B. "Monomaniacs" (von "mono" – Dinge), "Inertial Living" (man hat kein Interesse an Inneneinrichtung), "Hermitages". Es gibt auch Wohnungen mit Agglomerationen von häßlichen Stofftieren und "Charactern" (Die "kawaii"-Kultur der Niedlichkeit). Es gibt Heimarbeiter und Bastler, bei denen jedes Werkzeug seinen Platz hat. (Woher kommt überhaupt die Vorstellung von "kreativer Unordnung"? In Wirklichkeit macht ja Ordnung kreativ. Wann wurde aus "arbeiten" "kreativ sein"?) Verzicht auf Möbel macht die Wohnung größer, man kann auch alles auf den Boden stellen oder an Bügeln unter die Decke hängen. Vielleicht erinnern mich der Platzmangel, das Vollgestopfte, die Stauräume und Verwandelmöbel, das Gefühl, hier werde nichts weggeworfen sondern alles gehortet, an Wohnen in der DDR, nur daß sogar dort die Ansprüche an die Wohnfläche zuletzt schon offenbar weit über dem hier Üblichen lagen.

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